Die Geschichte der NATO im Kalten Krieg

Der Höhepunkt des Kalten Krieges (1980 - 1990)

Im Mai 1987 startete das 56. Field Artillery Command in Schwäbisch Gmünd das seit dem Vollzug des NATO-Nachrüstungsbeschlusses im Jahr 1983 größte Manöver mit Pershing II-Raketen in Baden-Württemberg. Vergessen war der Unfall im Januar 1985 auf der Heilbronner Waldheide.

Sie taten so, als gäbe es für sie noch ein Morgen. Die Chancen standen jedoch schlecht. In Genf nämlich legten amerikanische und sowjetische Vertreter zu dieser Zeit gerade letzte Hand an ein Abrüstungsabkommen, das zum ersten Mal in der Geschichte des Kalten Krieges eine substantielle Verringerung des Waffenarsenals, ja sogar die komplette Abschaffung einer ganzen Waffenkategorie bringen sollte. Der ganze Popanz, den die Militärs der NATO seit einem Jahrzehnt in Sachen Pershing II, Raketenlücke und Nachrüstung veranstaltet hatten, lief Gefahr, quasi mit einer Handbewegung der beiden mächtigsten Männer der Welt, Reagan und Gorbatschow, in die Asservatenkammer der Militärgeschichte zu wandern.

Die Ära der Pershings war abgelaufen. Sie stellte den Höhepunkt und gleichzeitig das Ende einer in der Geschichte einzigartigen Rüstungsprogramms dar, das schon bald nach dem zweiten Weltkrieg begann und die Bundesrepublik Deutschland in eine atomwaffenstarrende Festung verwandelte, zu der es in der Welt keine Parallele gab.

Kein anderes atomares Waffensystem hat die Deutschen mehr in Unruhe versetzt als die Atomrakete Pershing. Allerdings erst rund zwanzig Jahre nach ihrem erstmaligen Auftauchen in der Bundesrepublik. Erst im Zuge der geplanten Nachrüstung im Jahr 1983 entfachte das Waffensystem einen regelrechten Aufschrei.

International

Beginn der Nachrüstungsdebatte

Die UdSSR begann 1976 ihre in den sechziger Jahren dislozierten Mittelstreckenraketen SS-4 Sandal und SS-5 Skean gegen Raketen des Typs SS-20 Saber auszutauschen. Diese mobile, zweistufige Rakete war eine Weiterentwicklung der dreistufigen Interkontinentalrakete SS-16, verfügte über einen Feststoffantrieb und konnte 3 MIRV-Nukleargefechtsköpfe mit je 150 kt Sprengkraft ins Ziel bringen. Die UdSSR begründete diese Maßnahme damit, dass die NATO in Form der SACEUR zugeordneten SSBN der USA sowie der französischen und britischen Atombewaffnung ebenfalls über ein entsprechendes Potential verfügten.

Die NATO wiederum sah in der sowjetischen SS-20-Rüstung eine neue Dimension der nuklearen Bedrohung, die entsprechende Gegenmaßnahmen erforderten. Einer der Wortführer dieser Argumentation war der damalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD). Vielfach wird seine Rede vor dem International Institute for Strategic Studies in London am 28. Oktober 1977 als Auftakt für die dann folgende Nachrüstungsdebatte angesehen. Der Kerntenor seines Debattenbeitrags lautete: Gelänge es nicht, die unkontrollierte Aufrüstung im Bereich der Mittelstreckenraketen in die Rüstungskontrollverhandlungen der Supermächte (SALT) einzubeziehen, könne die Sowjetunion das herrschende strategische Gleichgewicht unterminieren. Indirekt forderte Schmidt die NATO zu entsprechenden Gegenmaßnahmen auf.

Die Rede Helmut Schmidts quasi als Initialzündung zur Nachrüstung anzusehen, entspricht allerdings nicht ganz der historischen Abläufen. So begann der Weiterentwicklung der Pershing I-Rakete in Richtung Pershing II (größere Treffergenauigkeit und größere Reichweite) schon im Jahr 1971. Auch die Entwicklung der Marschflugkörper, der zweiten Komponente der Nachrüstung, begann schon in den frühen siebziger Jahren.

Einen offiziellen Charakter bekam die Entwicklung mit dem Einsetzen der der High-Level Group (HLG) am 12. Oktober 1977 durch die Nukleare Planungsgruppe (NPG) der NATO, die die Grundlagen des späteren NATO-Doppelbeschlusses entwickeln sollte. Im Presidential Review Memorandum 38 (PRM) vom 22. Juni 1978 wurde die Notwendigkeit einer Stationierung weitreichender Nuklearwaffen in Europa durch US-Präsident Jimmy Carter offiziell bestätigt.

Am 5. und 6. Januar 1979 trafen sich die Regierungschefs von Großbritannien, Frankreich, der Bundesrepublik Deutschland und den USA auf der Karibikinsel Guadeloupe zu einer Konferenz, bei der das Thema Nachrüstung im Mittelpunkt stand. Hier teilte der amerikanische Präsident seinen europäischen Kollegen seine Entscheidung hinsichtlich der Nachrüstung in Sachen Mittelstreckenwaffen mit.

Endgültig beschlossen wurde die Stationierung im so genannten Doppelbeschluss der NATO vom 12. Dezember 1979. Der Beschluss der 14 Außen- und Verteidigungsminister sah eine Dislozierung von 108 Pershing II-Raketen und 464 Cruise Missiles BGM-109 Tomahawk in der Bundesrepublik, in Italien, in Großbritannien, in den Niederlanden und in Belgien vor. Das Nachrüstungsprogramm sollte mit einer Reduzierung des Bestandes an nuklearen Gefechtsköpfen um 1000 in Europa verbunden werden, wobei die 572 Gefechtsköpfe innerhalb dieses verminderten Bestands untergebracht werden sollten.

Zugleich wurde in dem Beschluss der UdSSR Verhandlungen über den Abbau aller atomaren Mittelstreckenwaffen in Europa angeboten. Erst wenn diese Verhandlungen zu keinem Ergebnis führen würden, sollte ab Ende 1983 die Stationierung der amerikanischen Systeme erfolgen.

Abrüstungsverhandlungen in Genf

Zu diesen Verhandlungen kam es jedoch erst ab November 1981. Die amerikanische Verhandlungsposition präzisierte der US-Präsident Ronald Reagan am 18. November 1981. Sie lautete Doppelte-Null-Lösung: Beide Seiten sollten weltweit auf landgestützte Mittelstreckenraketen verzichten. Die USA würden keine Pershing-II-Raketen und landgestützten Marschflugkörpern stationieren und die Sowjetunion müsste im Gegenzug alle SS-20, SS-4 und SS-5 verschrotten.

Die Verhandlungen begannen am 30. November 1981 in Genf. Verhandlungsführer der USA war Paul Nitze und die Delegation der UdSSR leitete Julij Kwizinski. Die Verhandlungen zogen sich bis Ende 1983 hin, ohne dass ein Ergebnis erzielt worden wäre. Zwei konkrete Vorschläge wurden vorgelegt. Der eine wurde am 25. Mai 1982 von der Sowjetunion vorgelegt und umfasst folgende Eckpunkte:

  • keine Stationierung von neuen Mittelstreckensystemen in Europa
  • Reduzierung aller am 1. Juni 1982 in Europa vorhandenen nuklearen Mittelstreckensysteme (Raketen und Mittelstreckenbomber) der NATO und der Staaten des Warschauer Pakts mit einer Reichweite von mehr als 1000 Kilometern auf maximal 300 Systeme
  • die 255 britischen und französischen Sprengköpfe werden auf Seiten der USA angerechnet
  • Marschflugkörper mit mehr als 600 Kilometern Reichweite sowie ballistische Luft-Boden-Raketen werden weltweit verboten

Ein weiterer Vorschlag wurde von den beiden Leitern der Verhandlungsdelegationen im Rahmen eines Spaziergangs (Waldspaziergang) diskutiert. Dabei schlug Nitze seinem sowjetischen Partner folgenden Abrüstungsplan vor:

  • Reduzierung der sowjetischen SS-4, SS-5 und SS-20 in Europa auf 75
  • Begrenzung der SS-20 der UdSSR im Fernen Osten auf 90
  • Begrenzung der nuklearfähigen Flugzeuge der UdSSR auf 150
  • Keine Stationierung von Pershing II-Raketen durch die USA
  • Stationierung von maximal 75 Startsystemen für je 4 Marschflugkörper durch die USA
  • Begrenzung der US-Mittelstreckenbomber F-111 und FB-111 auf maximal 150

Beide Vorschläge führten letztlich jedoch zu keinem Ergebnis und mit Beginn der Nachrüstung im Herbst 1983 wurden die Verhandlungen in Genf ergebnislos abgebrochen.

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Pershing2-Lafette

Pershing II-Rakete in einer Manöverstellung (Quelle: Wikipedia, US-Army)

Die Nachrüstung beginnt

Wie im Beschluss vom Dezember 1979 festgelegt, begann die NATO Ende 1983 mit der Aufstellung von Pershing II-Raketen und Cruise Missiles BGM-109 Tomahawk. Die Pershing II sollten nur in der Bundesrepublik Deutschland disloziert werden. Folgende Stationierungsorte waren dafür vorgesehen: Schwäbisch Gmünd/Mutlangen, Heilbronn/Neckarsulm und Neu-Ulm. Dies waren auch die bisherigen Stationierungsorte der amerikanischen Pershing Ia-Verbände.

Eine letzte Hürde vor der Aufstellung der neuen Raketen räumte der Deutsche Bundestag am 22. November 1983 beiseite. Mit den Stimmen von CDU/CSU und FDP stimmte er der Stationierung neuer US-Mittelstreckenraketen in der Bundesrepublik zu. Am 25. November trafen in der Nacht auf 8 Sattelschleppern die ersten Pershing II-Raketenteile aus Ramstein kommend in der MSA Mutlangen (Missile Storage Area) ein. Ein Konvoi aus 12 Sattelschleppern brachte am 29. November ab 3.30 Uhr in der Nacht weitere Pershing II-Raketenteile nach Mutlangen.

Zum Jahresbeginn 1984 war in Mutlangen die erste Pershing II-Batterie mit 9 Raketen einsatzbereit. In Großbritannien waren zu diesem Zeitpunkt am Standort Greenham Common die ersten Cruise Missile ebenfalls einsatzbereit. Am 20. Januar 1984 gab die DDR die Aufstellung von sowjetischen Atomraketen vom Typ SS-22 und SS-23 bekannt. Weitere Raketen dieses Typs wurden in der CSSR disloziert.

Laut eines Berichts aus dem Friedenscamp von Mutlangen rückte am 7. Februar 1984 ein Konvoi mit 4 Raketen von Mutlangen zu einem ersten Manöver der neuen Pershing II in ein Waldgelände bei Straß bei Ulm aus. Die ersten 12 von 112 Cruise Missiles trafen am 10. Februar 1984 in Comiso (Sizilien) ein. Die Planung sah vor, dass diese Mitte März einsatzbereit sein sollten.

Die Kosten für die Stationierung der Pershing II und Cruise Missile in Europa beliefen sich laut eines dpa-Berichts auf 540 Millionen DM. Der Anteil für den Bereich der Bundesrepublik betrug rund 135 Millionen DM. Diese Zahlen nannte die Bundesregierung als Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen.

Ab dem 10. April 1984 war in Mutlangen auch die zweite Pershing II-Batterie einsatzbereit. Die Sowjetunion verlegte ab Mitte Mai weitere Raketen in die DDR und in die CSSR. Im Standort Heilbronn tauchten die ersten Pershing II-Raketen laut eines Berichts der Zeitschrift Stern Anfang August auf.

Nach einer Meldung der Washington Post waren am 9. Oktober 1984 insgesamt 45 der geplanten 108 Pershing II-Raketen in der Bundesrepublik aufgestellt. Nach dem Bericht war zu diesem Zeitpunkt das erste Pershing II-Bataillon in Schwäbisch Gmünd vollständig ausgerüstet. Das zweite Bataillon in Heilbronn verfügte über 9 Raketen.

Die Bundesregierung bestätigte am 13. Dezember Wüschheim im Hunsrück als Stationierungsort für die 96 Cruise Missiles in der Bundesrepublik.

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1983 - Das gefährlichste Jahr des Kalten Krieges


1983. Das gefährlichste Jahr des Kalten Krieges


Seinerzeit fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit drohte im Herbst 1983 der Ausbruch eines Nuklearkrieges. Die Sowjetunion erwartete einen Atomangriff und bereitete Abwehrmaßnahmen vor, die ihrerseits von den USA als Bedrohung gedeutet wurden. Ein Fehlalarm in der sowjetischen Luftraumüberwachung drohte die Lage außer Kontrolle geraten zu lassen. Georg Schild rekonstruiert den Verlauf des Kalten Krieges bis hin zur politischen Eskalation zwischen den von Ronald Reagan geführten USA und der Sowjetunion Anfang der 1980er Jahre. Die Vereinigten Staaten führten damals einen ideologischen Kreuzzug gegen die UdSSR und rüsteten auf, während die überalterte Sowjetführung politisch weitgehend handlungsunfähig war.

Autor: Georg Schild
Verlag Ferdinand Schöningh 2013, 234 Seiten
ISBN: 978-3506776587

1985: Der Pershing-Unfall von Heilbronn

Bei einem Brand einer Pershing-2-Rakete am 11. Januar 1985 auf dem Militärgelände auf der Heilbronner Waldheide (Fort Red Leg) werden drei US- Soldaten getötet, 16 weitere werden schwer verletzt. Der Unfall ereignete sich, als 9 Soldaten unter der Anleitung eines Captains mit einem Kran die erste Raketenstufe einer Pershing II aus einem Transportbehälter heben und diese auf einer Startlafette montieren wollten. Zum Zeitpunkt des Unfalls, der sich etwa gegen 14 Uhr ereignete, herrschte eine Temperatur von minus 20 Grad und geringe Luftfeuchtigkeit. Zur Bekämpfung des Brandes, bei dem etwa 4 bis 5 Tonnen Raketentreibstoff verbrannten, mussten örtliche Feuerwehren angefordert werden, da der Stützpunkt über keine eigenen Löschkapazitäten verfügte. Raketenexperten der US-Army begannen am 14. Januar mit der Untersuchung des Raketenunfalls.

Die Bevölkerung war nach Aussage des Staatssekretärs im Verteidigungsministerium Rühl bei dem Pershing-Unfall in Heilbronn zu keinem Zeitpunkt gefährdet. Die Erklärung erfolgte am 16. Januar am Rande der Sitzung des Verteidigungsausschusses, der sich mit dem Unfall befasste. Viel Glauben schien die einheimische Bevölkerung diesen Aussagen jedoch nicht zu schenken. In Zusammenhang mit diesem Unfall kam es in der Bevölkerung Heilbronns zu einer erheblichen Beunruhigung. Die US-Experten, die den Unfall in Heilbronn vor Ort untersucht hatten, reisten am 18. Januar in Begleitung eines Offiziers der Bundesluftwaffe wieder in die USA ab, um dort mit den Untersuchungen fortzufahren.

Entgegen der offiziellen Darstellung der US-Streitkräfte hätte es bei dem Unfall auf der Waldheide doch zu einer atomaren Verseuchung kommen können. Das berichtete jedenfalls am 22. Januar das WDR-Fernsehmagazin MONITOR. Glühende Raketenteile seien bis in die Nähe von gefechtsbereiten und mit Nuklearsprengköpfen versehenen Pershing II-Raketen geflogen.

Bundesregierung und Opposition zogen unterschiedliche Schlussfolgerungen aus dem Raketen-Unfall in Heilbronn. Bundesverteidigungsminister Wörner erklärte am 24. Januar im Bundestag, die Stationierung werde fortgesetzt. Die SPD-Abgeordneten Gansel, Scheer und Katrin Fuchs verlangten dagegen, einen vorläufigen Stationierungsstopp einzuleiten bzw. die Raketen abzuziehen. Die Situation bleibt jedoch unklar. Nach einem Bericht der WELT AM SONNTAG vom 27. Januar hatten die US-Streitkräfte die Montagearbeiten zur Nachrüstung in der Bundesrepublik vorerst gestoppt. Bis zur Vorlage der endgültigen Untersuchungsergebnisse sollten keine weiteren Raketen mehr zusammengebaut und aufgestellt werden. Außerdem wurde das für die Zeit vom 4. bis 13. März 1985 geplante Manöver der Pershing-Einheiten wegen des Unfalls in Heilbronn verschoben. An ihm sollten 3200 Soldaten und 950 Fahrzeuge teilnehmen.

In der zweiten Märzhälfte begann auch Belgien mit der Stationierung von CM. 16 der insgesamt 48 Marschflugkö sollen auf dem Luftwaffenstützpunkt Florennes stationiert werden. Schon vor der Jahreswende waren 800 US-Soldaten nach Florennes verlegt worden. Nur wenige Stunden nach Bekanntgabe des entsprechenden Beschlusses der belgischen Regierung wurden am 16. März 16 CM nach Florennes gebracht.

Als Unglücksursache des Pershing II-Unfalls am 11.Januar 1985 in Heilbronn wurde endgültig Entladung von statischer Elektrizität festgestellt. Dies bestätigte das Bundesverteidigungsministerium: »Das Waffensystem Pershing II ist zwar einsatzbereit, der Verband kann aber noch nicht als voll einsatzbereit angesehen werden.« So äußerte sich General Rolf Hüttel vom Bundesverteidigungsministerium am 15. Januar 1986 bei der Vorstellung des Abschlussberichts zum Pershing-Unfall von Heilbronn. Die Untersuchung des Unfalls kostete 10 Millionen Dollar. Höhepunkt war ein internationales Symposium mit 300 Wissenschaftlern über elektrostatische Vorgänge.

Der abschließende Untersuchungsbericht zum Pershing II-Unfall wurde am 16. Januar 1986 in Bonn der Presse vorgestellt. An der Untersuchung waren neben der US-Armee auch ein deutscher Luftwaffenoffizier und deutsche Wissenschaftler beteiligt. Staatssekretär Rühl betonte, dass die gewonnen Abhilfemaßnahmen derzeit bei den in der Bundesrepublik stationierten Raketen durchgeführt werden. Bis zum Abschluss gäbe es keine Übungs- und Ausbildungstätigkeit außerhalb der Kasernen und keine Transporte auf Straßen. Für Übungen verwende man lediglich Übungsraketen.

Das niederländische Parlament stimmte am 28. Februar 1986 mit 79 zu 70 Stimmen der Stationierung von 48 CM in den Niederlanden zu. Die Stationierung sollte allerdings erst im Jahr 1988 beginnen. Das Bonner Verteidigungsministerium bestätigte am 29. März, dass die ersten von 96 Cruise Missile im Hunsrück einsatzbereit sind.

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Pershing2-Lafette

Ein Gedenkstein erinnert an den Pershing-Unfall von 1985.

Chronologische Übersicht

11.1.1985: Auf der Waldheide bei Heilbronn brennt der erste Stufenmotor einer Pershing-II-Rakete bei Montagearbeiten aus und tötet drei US-Soldaten, sechzehn werden schwer verletzt
12.1.1985: Die US-Regierung schickt zwei Expertenteams zur Aufklärung der Unfallursache nach Heilbronn
14.1.1985: Der Heilbronner Friedensrat formuliert den Heilbronner Appell
16.1.1985: Die Zeitschrift STERN hält Kälte als Unfallursache für möglich
22.1.1985: Das Fernseh-Magazin MONITOR berichtet über mögliche Folgen des Unfalls, wenn Nuklearsprengköpfe beteiligt gewesen wären
24.1.1985: Der Heilbronner Gemeinderat beschließt einstimmig die Beseitigung des Raketenstandorts Waldheide
25.1.1985: Aktuelle Stunde im Bundestag zum Raketenunfall in Heilbronn
30.1.1985: Die US-Army beginnt wieder mit Raketentransporten
2.2.1985: Demonstration auf der Waldheide mit 10000 Teilnehmern
6.2.1985: Sitzung des Landtags von Baden-Württemberg zum Raketenunfall in Heilbronn
25.2.1985: Gegen die Stimmen der CDU-Fraktion spricht sich auch der Kreistag von Heilbronn gegen den Raketenstandort aus
12.3.1985: Obwohl ein Untersuchungsergebnis noch nicht vor liegt, werden die Montagearbeiten und Alarmübungen an den Raketen durch die US-Army wieder aufgenommen
16.3.1985: Mit einem Sonderzug fahren über 1.000 Heilbronner Bürger nach Bonn, um in der Bundeshauptstadt persönlich auf ihre Situation aufmerksam zu machen

1986: Der Pershing-Verband wird einsatzbereit

Zu Beginn des Jahres 1986 war die Nachrüstung mit Pershing II-Raketen in der Bundesrepublik weitegehend abgeschlossen und der Pershing-Verband einsatzbereit. In diesem Zusammenhang erfolgt im Januar 1986 eine komplette Neustrukturierung aller Pershing II-Einheiten der US-Army.

Alle amerikanischen Pershing-Einheiten waren bis dato in der 56th Field Artillery Brigade zusammengefasst. Ab Januar 1986 wurde die Einheit in 56th Field Artillery Command (Pershing) umbenannt. Der Verband verfügte über ein Hauptquartier und eine Headquarters-Batterie, drei Pershing-Bataillone, ein Infantrie-Bataillon, ein Fernmelde-Bataillon, ein Versorgungs-Bataillon und eine Hubschrauber-Kompanie. Er war rund 6000 Mann stark, hatte 108 Raketen und rund 1500 Fahrzeuge. Nach Abschluss der Umstrukturierung hatte der Verband folgende Organisation:

Die Gliederung des 56th Field Artillery Command (Pershing)

In Baden-Württemberg, Saarland und Rheinland-Pfalz fand zwischen dem 15. und 24. April 1986 das Manöver Carbon West des 56. Field Artillery Command statt. Das Manöver nahm nach Beobachtung der Mutlanger Pressehütte folgenden Verlauf:

  • Ausfahrt von 6 Konvois am 16. April mit je einer Rakete aus dem Mutlanger Depot.
  • Am 17. April erfolgte das Übersetzen der Manövertruppen bei Philippsburg über den Rhein durch Bundeswehrpioniere.
  • Am 18. und 19. April verlegten die Manövertruppen in die Nordpfalz in die Räume Kalmit bei Neustadt, Elmstein, Dahn, Zweibrücken und Landstuhl.
  • Am 20. April wurden die Raketen in den Hunsrück in den Raum Leisel und Nockenthal (nordwestlich von Idar-Oberstein) verlegt.
  • Die Raketen aus Mutlangen wurden am 22. April bei Freisen (A62) zusammengezogen. Der Rückmarsch in die Stationierungsorte begann am 23. April 1986.

Die Bundesregierung bestätigte am 10. Oktober 1986, dass seit März Cruise Missiles in Hahn stationiert sind. Der endgültige Standort Hasselbach stehe kurz vor der Fertigstellung.

Am 19. Mai 1987 wurde bekannt, dass die Pershing II-Depots in Heilbronn, Mutlangen und Neu-Ulm für 140 Millionen DM ausgebaut werden sollen. Die Investitionen im Detail: Mutlangen 40 Millionen, Heilbronn 55 Millionen und Neu-Ulm 44 Millionen. Jeweils 4,8 Millionen sollte die NATO übernehmen, den Rest die USA.

USA testeten am 21. Mai in Cape Canaveral 6 Pershing II-Raketen zusammen. Die Tests wurden von Soldaten ausgeführt, die in der Bundesrepublik stationiert waren.

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CAS Kettershausen

Die ehemalige Pershing II-Site Kettershausen

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CAS Kettershausen

Das Field Manual FM 6-11

Das Pershing II-Manöver Carbon Blazer 1987

Das Manöver Carbon Blazer des 56. Field Artillery Commands wurde Ende April 1987 in zahlreichen Zeitungen in Baden-Württemberg angekündigt.

Es sollte sich über den Zeitraum vom 1. bis zum 16. Mai 1987 erstrecken und folgende Landkreise umfassen:

  • Im Regierungsbezirk Tübingen: Alb-Donau-Kreis, Reutlingen, Tübingen
  • Im Regierungsbezirk Karlsruhe: Calw, Enzkreis, Freudenstadt, Karlsruhe, Neckar-Odenwald-Kreis, Rastatt, Rhein-Neckar-Kreis
  • Im Regierungsbezirk Stuttgart: Böblingen, Esslingen, Göppingen, Heidenheim, Heilbronn, Hohenlohekreis, Ludwigsburg, Ostalbkreis, Rems-Murr-Kreis, Schwäbisch Hall, Main-Tauber-Kreis

Insgesamt sollten an dem Manöver 4000 Soldaten mit 1500 Radfahrzeugen und 12 Hubschraubern teilnehmen. 100 Radfahrzeuge mit über 21,7 Tonnen waren angekündigt.

Das Manöver begann am 5. Mai. Aus dem Standort Heilbronn (Waldheide) fuhren drei Konvois mit jeweils 3 Raketen aus und bezogen Stellung im Raum Sinsheim. Ebenfalls 9 Raketen fuhren aus der Wiley-Kaserne in Neu-Ulm aus. Sechs Raketen bezogen eine Stellung bei Strass und drei fuhren nach Suppingen (westlich von Blaubeuren). Aus den Kasernen in Schwäbisch Gmünd fuhren HQ-, Versorgungs- und Fernmeldeeinheiten aus. Eine große HQ-Stellung wurde im Wald von Simmisweiler bei Aalen errichtet.

In der Nacht zum 6. Mai verließen alle dort stationierten Raketen das Mutlanger Depot und bezogen Stellungen im Viereck Schwäbisch Gmünd, Schwäbisch Hall, Aalen und Crailsheim. Aus Heilbronn fuhren weitere 9 Raketen in Bereitstellungsräume im Main-Tauber-Kreis. Weitere 9 Raketen aus Neu-Ulm bezogen Stellungen westlich von Blaubeuren.

Die Mutlanger Raketen blieben bis zum 8. Mai in ihren ersten Bereitstellungsräumen und wurden am 10 . Mai in den Rems-Murr-Kreis verlegt. Am gleichen Tag erfolgte eine Verlegung in den Raum Karlsruhe, Pforzheim, Bretten, Eppingen, wo die Raketen bis zur Rückfahrt am 14. Mai blieben.

Die 18 Raketen aus Heilbronn blieben bis zum 8. Mai im Raum Kraichgau (Sinsheim) und im Main-Tauber-Kreis und wurden dann im Landkreis Heilbronn zusammengezogen. Am 10. Mai wurden diese Raketen in den Raum Eppingen, Heidelberg, Sinsheim, Bad Rappenau verlegt, wo sie bis zum Rückmarsch am 15. Mai blieben.

Von den 18 Raketen aus Neu-Ulm wurden 9 von ihrem ersten Bereitstellungsraum am 7. Mai in den Landkreis Calw verlegt, weitere 9 Raketen am 8. Mai in den Raum Freudenstadt. Weitere Verlegungen erfolgten auch hier bis zum 15. Mai nicht mehr.

Begleitet war das Manöver von einer bundesweiten Senioren- und Muttertagsblockade, zu der Friedensaktivisten aufgerufen hatten. Der Raketenstandort Mutlangen bei Schwäbisch Gmünd war der geographische Schwerpunkt der Aktionen: Die Zufahrtsstraße zum Depot wurde ebenso blockiert wie Pershing-Feldstellungen in der Umgebung. Nach Angaben der Pressehütte Mutlangen nahmen rund 3000 Menschen an den Aktionen teil, 270 wurden festgenommen.

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Dokumentation der Pressehütte Mutlangen zur Seniorenblockade 1987, die das Manöver begleitete.

Erfolgreiche Abrüstungsverhandlungen

Nach dem Tod von Konstantin Tschernenko wurde der erst 54jährige Michail Gorbatschow zum neuen Generalsekretär der KPdSU gewählt. Damit kamen auch in die Abrüstungsbemühungen, die 1983 abgebrochen wurden, wieder neuen Schwung. Im März 1985 begannen in Genf neue Abrüstungsgespräch der Supermächte. Verhandlungsleiter auf sowjetischer Seite war Viktor Karpow und auf amerikanischer Seite Max Kampelmann. In den Gesprächen ging es nicht nur um die Mittelstreckenwaffen in Europa, sondern ebenso um die strategischen Atomwaffen und – für die Sowjetunion besonders wichtig – um das amerikanische SDI-Programm. Das komplexe Verhandlungspaket hemmte den Fortschritt der Gespräche jedoch eher.

Als ein Zeichen des guten Willens fror die Sowjetunion ihre Mittestreckenrüstung mit SS-20-Aufrüstung bis zum November ein und stoppte auch den weiteren Aufbau von Raketen kürzerer Reichweite in der DDR und CSSR. Dies gab Gorbatschow am 8. April in einem Interview mit der PRAWDA bekannt. Am 3. Oktober löste Gorbatschow das Junktim zwischen INF und START bzw. Weltraumbereich wieder auf. In einer Rede vor der französischen Nationalversammlung erklärte er, dass die Sowjetunion auch zu einem separaten INF-Abkommen bereit sei. Damit wurden diesen Verhandlungen die entscheidenden Impulse gegeben.

Am 19. November fand erstmals seit mehr als sechs Jahren wieder ein Gipfeltreffen der beiden Supermächte statt: US- Präsident Ronald Reagan und der sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow trafen sich zu einem zweitägigen Meinungsaustausch in Genf. Insgesamt fünf Stunden konferierten die beiden Politiker unter vier Augen. In einem gemeinsamen Abschlussdokument bekundeten beide Seiten ihre Bereitschaft zu weiteren Gipfelbegegnungen. Außerdem erklärten beide Seiten, keine militärische Überlegenheit über die Gegenseite anzustreben. Ferner sprachen sich die beiden Staatsmänner für eine 50 prozentige Reduzierung der nuklearen Waffen und für ein Zwischenergebnis in der Frage der atomaren Mittelstreckenwaffen bei den Abrüstungsgesprächen in Genf aus.

Gorbatschow schlug am 15. Januar 1986 die völlige Vernichtung aller Atomwaffen vor und kündigte eine Verlängerung des einseitigen Moratoriums für unterirdische Atomversuche an. Außerdem machte er einen neuen Vorschlag für den Bereich der Mittelstreckenwaffen. In einem Brief an Bundeskanzler Kohl präzisierte Gorbatschow diese Abrüstungsvorschläge.

Präsident Reagan äußerte sich in einem Interview mit der Washington Post am 11. Februar zuversichtlich, noch 1986 ein Zwischenabkommen über den Abbau der Mittelstreckenwaffen in Europa zu erreichen. In einem Brief an Gorbatschow forderte Reagan nach einem Bericht der New York Times vom 23. Februar den Abbau aller amerikanischen und sowjetischen Mittelstreckenraketen in Europa innerhalb von drei Jahren. Gleichzeitig sollte damit eine Reduzierung dieser Waffen in Asien um 50 Prozent verbunden sein.

Die Außenminister des Warschauer Paktes stellten sich auf einer Konferenz in Warschau am 20. März einmütig hinter die Abrüstungspläne Gorbatschows. Die Verteidigungsminister der NATO gaben am 21. März auf einem Treffen der Nuklearen Planungsgruppe (NPG) in Würzburg ein positives Votum zu den amerikanischen Vorschlägen zum Abbau der Mittelstreckenwaffen.

Gorbatschow machte am 18. April auf dem SED-Parteitag in Ostberlin neue Vorschläge für die Abrüstung bei konventionellen Streitkräften. Reagan erklärte am 22. April, sich weiter an das vom Kongress nicht ratifizierte SALT II-Abkommen halten zu wollen. Am 17. Juni erläuterte Gorbatschow in einer Rede vor dem Zentralkomitee der KPDSU die neuen Abrüstungsvorschläge, die sein Land in der vergangenen Woche bei den Verhandlungen in Genf vorgelegt hatte. Reagan bezeichnete in einer Rede in Glassboro am 21. Juni die Moskauer Vorschläge als ernsthaften Versuch zu Abrüstung.

Plötzlich wurde der Ton jedoch wieder etwas rauer. In einer Rede auf dem Parteitag der polnischen Kommunisten am 30. Juni warf Gorbatschow der USA Sabotage bei den Abrüstungsverhandlungen in Genf vor und NATO-Oberbefehlshaber General Bernard Rogers sprach sich am 27. August in einem STERN-Interview dafür aus, an den Mittelstreckensystemen festzuhalten.

Als in Genf am 18. September die sechste Runde der Rüstungskontrollverhandlungen begann, kamen neue Vorschläge an die Öffentlichkeit. Nach einem Bericht der New York Times vom 19. September waren die USA und die UDSSR bereit, die Zahl ihrer in Europa stationierten Mittelstreckenraketen auf eine symbolhafte Stärke zu verringern. Beide Seiten sollten über jeweils 420 bis 450 Sprengköpfe verfügen dürfen.

Das Jahr 1987 brachte schließlich den endgültigen Durchbruch. Beide Seiten legten im März und April Entwürfe für den Abbau von Mittelstreckenraketen in Europa in Genf vor. Allerdings sorgte der amerikanische Vorschlag, die Pershing II in der Reichweite unter 1000 km zu reduzieren, bei der Sowjetunion für Verstimmung. Es war von einem Bluff die Rede. Geschickt unterlief Gorbatschow diesen Vorschlag mit einem eigenen Vorschlag in einer Rede am 10. April in Prag, in Genf auch über Raketen kürzerer Reichweite zu verhandeln.

Gorbatschow präzisierte bei einem Besuch von US-Aussenminister Schultz am 14. April in Moskau seinen Vorschlag. Er präsentierte den Plan einer erweiterten Null-Lösung, der auch Raketen mit einer Reichweite zwischen 500 und 1000 km in das Verhandlungspaket mit einbezieht. Der Vorschlag und insbesondere die Forderung der Sowjetunion, dass auch die Pershing Ia der Bundeswehr in die Verhandlung einbezogen werden müssen, führte zu teils heftigen Diskussionen in der Bundesrepublik. Schließlich einigte sich die Bonner Koalition am 1. Juni 1987 darauf, der doppelten Null-Lösung zuzustimmen.

Dennoch veröffentlichte der Koalitionspartner CSU am 1. September eine Zehn-Punkte-Erklärung mit vehementer Kritik am geplanten INF-Abkommen: Das Abkommen schaffe drei Zonen unterschiedlicher Sicherheit und stelle den Sinn der NATO in Frage. Doch auch dieser Querschuss konnte den erfolgreichen Abschluss der INF-Verhandlungen in Genf nicht mehr verhindern.

Am 24. November 1987 kam es in Genf zur einer Einigung über den Vertrag zum Abbau der Mittelstreckenraketen. Der INF-Vertrag wurde am 8. Dezember in Washington von Reagan und Gorbatschow unterzeichnet.

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Reagan und Gorbatschow

Gipfeltreffen von Gorbatschow und Reagan 1985 in Genf (Quelle: Wikipedia)

Die Fakten des INF-Vertrags

In dem Vertrag wurde festgelegt, dass beide Seiten weltweit sowohl ihre landgestützten Nuklearraketen mit kürzerer (500–1000 km) und mittlerer Reichweite (1000–5500 km) als auch deren Abschussvorrichtungen und Infrastruktur innerhalb von 3 Jahren vernichten und keine neuen herstellen. Zum Vertrag gehörte auch ein Memorandum of Understanding (MOU), ein Protokoll über die Inspektionen und eines über die Zerstörung der Waffen. Laut Vertrag mussten die USA 846, die Sowjetunion insgesamt 1846 Raketen zerstören.

Die in der DDR und CSSR stationierten Raketen (SS-12 und SS-23) wurden schon vorzeitig abgebaut. Dies kündigte DDR-Staatsratvorsitzender Honecker am 24. Januar 1988 an. Mit der Sowjetunion seien entsprechende Vereinbarungen getroffen worden. Nach einer Meldung des SED-Zentralorgans Neues Deutschland begann am 25. Februar 1988 der Abzug der sowjetischen Raketen kürzerer Reichweite aus der DDR. Betroffen waren die Stationierungsorte Waren an der Müritz und Bischofswerda bei Dresden.

Beim Gipfeltreffen am 1. Juni 1988 in Moskau tauschten Gorbatschow und Reagan die Ratifizierungsurkunden zum INF-Vertrag aus. In Mutlangen erschienen am 5. Juli 1988 sowjetische Inspektoren zur ersten Vor-Ort-Inspektion nach dem INF-Vertrag.

Die ersten Pershing II-Raketen wurden am 17. November von Mutlangen abgezogen. In zwei Konvois verließen 9 Lafetten der D-Battery und 9 auf 14 Lkw verpackt Pershing II-Raketen das Mutlanger Depot. In Frankfurt-Hausen wurden die Lafetten gemäß INF-Vertrag zersägt. Die Raketen werden zur Zerstörung in die USA ausgeflogen.

In dem MOU zum INF-Vertrag wurden alle Standorte der abzurüstenden Raketen genau aufgeführt. Die nachfolgende Tabelle gibt diese Daten wieder.

StandortLandAnzahl
Raketen
Anzahl
Startlafetten
Open
Street
Map
Pershing II
 Schwäbisch Gmünd BRD 40 36
 Neu-Ulm BRD 40 43
 Neckarsulm/Heilbronn BRD 40 36
BGM-109G
 Greenham Common GB 101 29
 Molesworth GB 18 6
 Comiso IT 108 31
 Florennes BE 20 12
 Wueschheim BRD 62 21
 Woensdrecht NL 0 0
SS-20
 Postavy UdSSR 9 9
 Vetrino UdSSR 9 9
 Polotsk UdSSR 9 9
 Smorgon 1 UdSSR 9 9
 Smorgon 2 UdSSR 9 9
 Lida UdSSR 9 9
 Gezgaly UdSSR 6 6
 Slonim UdSSR 9 9
 Ruzhany UdSSR 6 6
 Zasimovichi UdSSR 6 6
 Mozyr UdSSR 9 9
 Petrikov UdSSR 6 6
 Zhitkovichi UdSSR 6 6
 Rechitsa UdSSR 6 6
 Slutsk UdSSR 9 9
 Lutsk 1 UdSSR 9 9
 Lutsk 2 UdSSR 9 9
 Brody UdSSR 9 9
 Chervonograd UdSSR 9 9
 Slavuta UdSSR 9 9
 Belokorovichi UdSSR 9 9
 Lipniki UdSSR 9 9
 Vysokaya Pech 1 UdSSR 6 6
 Vysokaya Pech 2 UdSSR 6 6
 Korosten UdSSR 6 6
 Lebedin UdSSR 9 9
 Glukhov 1 UdSSR 9 9
 Glukhov 2 UdSSR 9 9
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 Akhtyrka 2 UdSSR 9 9
 Novosibirsk 1 UdSSR 9 9
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 Drovyanaya 1 UdSSR 9 9
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SS-12
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 Bischofswerda DDR 8 5
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 Wokuhl DDR 5 6
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 Lapichi UdSSR 9 5
 Kattakurgan UdSSR 9 5
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SS-23
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 Tsel UdSSR 26 12
 Slobudka UdSSR 26 12
 Bayram-Ali UdSSR 0 12
 Semipalatinsk UdSSR 22 12

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Reagan und Gorbatschow

Unterzeichnung der INF-Ratifizierungsurkunden in Moskau (Quelle: Wikipedia)

Pershing-Raketen in der Bundeswehr

Die Luftwaffe der Bundeswehr wurde Anfang der sechziger Jahre mit zwei Pershing-Flugkörperverbänden ausgerüstet.

Die Pershings der Bundeswehr hatten eine Vorgeschichte, die auf dem Bundeswehrflugplatz Kaufbeuren im Allgäu begann. Dort wurden die ersten vom damaligen Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß bestellten Matador-Flugkörper stationiert und dazu am 1. Februar 1959 eine Flugkörpergruppe 11 aufgestellt. Bei dem Matador-Flugkörper handelte es sich um eine Fortentwicklung der deutschen V1. Das von Martin Marietta entwickelte System bestand aus einem Flugkörper mit einem J-33-Strahltriebwerk, das bis zu einer Entfernung von rund 400 km fernsteuerbar war. Weitere Komponenten des Systems waren ein Startgestell auf einem zweiachsigem Sattelauflieger, ein Flugbahnverfolgungsradar, ein Feuerleitstand, eine Windmeßstation sowie ein Sattelauflieger mit Kofferaufbau, in dem sich Prüfgeräte zur Feldinstandsetzung des Systems befanden.

Wie viele dieser Matador-Systeme genau für die Bundeswehr beschafft wurden, ist nicht ganz klar. Manche Quellen sprechen davon, dass nur ganze zwei dieser Waffensysteme in Kaufbeuren zu Ausbildungszwecken zur Verfügung standen. Der damalige Bundeskanzler Adenauer sprach in einer Rede am 18. Mai 1958 von 6 Abschussgestellen und 24 Flugkörpern, die beschafft werden sollten. In einer Broschüre der Traditionsgemeinschaft Flugkörpergeschwader 1 e.V. ist von der Aufstellung von 7 Flugkörpergruppen, zuerst ausgerüstet mit Matador und später mit dem Nachfolgemodell Mace, die Rede. Die erste Schulung des deutschen Bedienungspersonals erfolgte ab März 1958 auf der US-Airbase Hahn in Rheinland-Pfalz. Dort war die 38th Tactical Missile Squadron stationiert, die zu diesem Zeitpunkt schon über eine ausgewachsene Streitmacht an einsatzfähigen Matadoren verfügte. Auch liefen schon Planungen für eventuell zu installierende Flugkörperstellungen für der QRA-Einsatz.

Bei einer Reise des damaligen Luftwaffeninspekteurs Kammhuber im Juni 1960 in die USA wurde das Projekt Matador/Mace der Bundeswehr wohl endgültig zu Grabe getragen. Statt der Beschaffung von 96 Mace-Flugkörpern entschloss sich die Bundeswehr - wohl auch auf Anraten der USA - zur Beschaffung der Rakete Pershing I. Organisiert werden sollte das Waffensystem Pershing in insgesamt 4 Flugkörpergruppen mit je 4 Launchern und 25 Flugkörpern. 1962 wurde die Aufstellung der Flugkörpergruppen 12 und 13 (zusammengefasst im Flugkörpergeschwader 1) und der Flugkörpergruppen 21 und 22 (zusammengefasst im Flugkörpergeschwader 2) beschlossen.

Das Flugkörpergeschwader 1 wurde gemäß Luftwaffenaufstellungsbefehl Nr. 233 vom 16. August 1963 zum 1. September in Landsberg aufgestellt. Das Flugkörpergeschwader 2 wurde mit Luftwaffenaufstellungsbefehl Nr. 267 vom 23. Dezember 1964 zum 1. Januar 1965 in Lechfeld aufgestellt und später nach Teveren verlegt. Der Aufstellung voraus ging eine Diskussion, welcher Waffengattung dieses Waffensystem zugeordnet werden sollte. Sowohl Heer wie Luftwaffe machten ihre Ansprüche geltend, wobei das Heer immerhin argumentieren konnte, dass die US-Pershings Heereseinheiten zugeordnet waren. Trotzdem wurde der Streit schließlich zu Gunsten der Luftwaffe entschieden. Argument: Nur die Luftwaffe verfügte über weitreichende Aufklärungsmittel, um eine wirkungsvolle Poststrike-Reconnaissance zu gewährleisten.

Aufstellung und Ausrüstung der geplanten Geschwader lief alles andere als rund. Dies hatte mehrere Gründe: Die latente Personalnot der Bundeswehr forderte gerade in einem Hightech-Verband wie ihn ein Flugkörpergeschwader darstellte, seinen besonderen Tribut. Dazu kamen finanzielle und infrastrukturelle Probleme. Ferner musste einkalkuliert werden, dass praktisch das gesamte Gerät aus den USA eingeführt werden musste.

Dazu kam, dass es über die Einsatzrolle der nuklearfähigen Waffensysteme der NATO und damit auch der Pershing-Einheiten zum Zeitpunkt der Aufstellung der beiden deutschen Geschwader in der NATO eine lebhafte Diskussion ablief. Mit Antritt der Kennedy-Administration lautete die Devise: Weg von der Massiven Vergeltung und hin zum Prinzip der Flexible Response. Dies blieb natürlich nicht ohne Auswirkungen auf die nuklearfähigen Waffensysteme des Bündnisses. Innerhalb der NATO lief zu diesem Zeitpunkt der Abstimmungeprozess zum Dokument MC 26/4, dem Nachfolgepapier von MC 70. Dort wurde in jedem Fall die Aufstellung von 4 Flugkörpergruppen für die Luftwaffe der Bundeswehr festgeschrieben.

Konkret lief eigentlich nur die Aufstellung der beiden Flugkörpergruppen 12 und 13 in Landsberg und Kaufbeuren einigermaßen rund. Laut einem Statuspapier von FüS III für den Verteidigungsminister sah die Lage im April 1967 so aus: Die Flugkörpergruppen 12 und 13 waren materiell voll aufgerüstet, während sich das Gerät für die Flugkörpergruppen 21 und 22 noch im Zulauf befand. Die (atomare) Einsatzbereitschaft war wegen der Personallage nur bei 2 von insgesamt 8 Staffeln gegeben.

Insbesondere die Aufstellung des FKG 2 entwickelte sich zu einer schieren Odyssee. Der Befehl Nr. 257 zur Aufstellung der Flugkörpergruppen 21 und 22 datiert auf den 23.12.1964. Ab März 1965 erfolgte die personelle Aufstellung der Gruppen in Lechfeld. Eine erster Ausbildung am Waffensystem erfolgte in der USA ab April 1964 (FKGrp 21) und ab Juli 1965 (FKGrp 22). Am 15.09.1965 verlegte das Geschwader nach Nörvenich. Eine erste Verbandsausbildung mit Schießen erfolgte im Sommer 1966 in den USA. Am 01.08.1966 wurde der Geschwaderstab des FKG 2 nach Wuppertal in die Diedenhofen-Kaserne. Im November 1966 wurde auch die FKGrp 22 nach Wuppertal verlegt. Von August bis Dezember 1968 erfolgte schließlich die Verlegung des Geschwaders an den vorläufigen Endstandort auf die von der RAF geräumten Airbase Geilenkirchen. Die erste Taktische Überprüfung (TacEval) durch die NATO erfolgte im Juni 1970.

In der ersten Phase war das Geschwader wie folgt gegliedert:

Flugkoerper_Geschwader_Alt

Das Einsatzkonzept der NATO für die Flugkörpergeschwader sah vor, dass ein Viertel der Kräfte sich kampfbereit in so genannten QRA-Stellungen aufzuhalten hatte. Die NATO-Planungen sahen weiterhin vor, dass pro Flugkörpergruppe je zwei fest ausgebaute QRA-Stellungen sowie drei weitere provisorische Feldstellungen eingerichtet werden. Im Kriegsfall sollte darüber hinaus jeder Abschusszug mindestens fünf weitere Feldstellungen vorhalten, zwischen denen die Einheiten alle 24 bis 72 Stunden rotieren sollten. Von dort aus sollten die Einheiten im Rahmen des Saceur Scheduled Programme (SSP) und des Regional Priority Programme (RPP) auf Befehl der zuständigen ATAF-Hauptquartiere in erster Linie gegnerische Luftangriffsmittel vernichten, also Flugplätze, Raketenstellungen und deren Führungseinrichtungen. Sekundäre Ziele waren Verkehrsknotenpunkte, Eisenbahnzentren, Versorgungsdepots und Truppenaufmarschräume.

Unterstellt man, dass die Pershing I-Batterien ihre Salven im Falle eines Krieges westlich einer Linie Köln - München abgefeuert hätten (zahlreiche Manöver lassen diese Annahme zu), dann hätte das potentielle Zielgebiet die gesamte DDR umfasst, von Polen das Gebiet westlich der Linie Stettin, Breslau, Krakau, fast die gesamte CSSR und die westliche Hälfte von Ungarn (siehe Karte).

Pershing I-Zielgebiete

Gegen Ende der sechziger Jahre erfolgte die Umrüstung der Pershing-Einheiten der Luftwaffe auf das Waffensystem Pershing 1a. Das brachte auch eine Umgliederung der Geschwader mit sich. Sie erfolgte mit Befehl vom 4. August 1970 für das Flugkörpergeschwader 1 zum 1. Januar 1971 und für das Flugkörpergeschwader 2 zum 2. August 1971. Die Geschwader waren ab diesem Zeitpunkt wie folgt gegliedert:

Flugkoerper_Geschwader_Neu

Mit Organisationsbefehl Nr. 9 / 1990 (Lw) vom 15. August 1990 wurden die beiden Flugkörpergeschwader der Bundeswehr zum 1. Januar 1992 aufgelöst.

MGM-31A Pershing I

Hersteller:Martin Marietta
Gewicht:4,655 kg
Länge:10.5 m
Durchmesser:1.02 m
Sprengkopf:60, 200 oder 400 kT (W50)
Reichweite:740 km
Brenndauer:77.3 sec
Geschwindigkeit:Mach 8
Treffergenauigkeit (CEP):150–300 m

Buch zum Thema

Flugkörpergeschwader 1


Flugkörpergeschwader 1
1963 - 1991


Das Buch wurde zur Außerdienststellung des Flugkörpergeschwaders 1 in Landsberg am 31. Dezember 1991 als historischer Rückblick auf die Geschichte des Verbands verfasst. Es ist sicher mehr als eine typische Verbandschronik eines Bundeswehrverbands, da es tiefe Einblicke in die Struktur, die Teileinheiten, das Personal, die Technik und natürlich auch die Geschichte des FKG 1 gibt. Insbesondere im Kapitel über die Flugkörperbereitschaftsstellungen (QRA)findet man Insiderinfos, wie man Sie sonst kaum irgendwo entdeckt.

Autor: Gerhard Krader
Landsberg 1991, 132 Seiten