Die Geschichte der NATO im Kalten Krieg

Die Bundesrepublik in der NATO (1955 - 1960)

Die Entwicklung der NATO ab 1955 war militärisch vor allem geprägt von der Stärkung des Bündnisses durch die Aufstellung der Bundeswehr sowie der Aufrüstung der Bündnisstreitkräfte mit taktischen Nuklearwaffen in breitem Rahmen. Die Basis dafür bildete das Dokument Minimum Essential Force Requirements, 1958-1963 (MC 70) des Miltiärausschusses. Mit der Verabschiedung des Strategie-Dokuments MC 14/2 am 9. Mai 1957 wurde das Prinzip der massiven Vergeltung zum offiziellem Konzept des Bündnisses.

Auswirkungen auf das Bündnis hatten auch die internationalen Krisen dieses Zeitabschnitts, nämlich der Aufstand in Ungarn im Herbst 1956, der Krieg um den Suez-Kanal ebenfalls im Hebrst 1956 und die Berlin-Krise, ausgelöst durch die Note Nikita S. Chruschtschows vom 27. November 1958 an die drei westlichen Besatzungsmächte Berlins, die USA, Großbritannien und Frankreich.

Der Ungarische Volksaufstand begann am 23. Oktober 1956 und endete Anfang November, nachdem sowjetische Truppen den Aufstand blutig niedergeschlagen hatten. Zwar erhielten die Aufständischen verbale Unterstützung vom Westen, aber an eine Intervention durch die NATO war zu keinem Zeitpunkt gedacht, zumal das Bündnis durch den Krieg am Suez, in den die Bündnismitglieder Frankreich und Großbritannien involviert waren, teilweise paralysiert war.

Mit der Rückkehr von de Gaulle an die Macht begann der Prozess der zukzessiven Abkehr Frankreichs vom Prinzip der integrierten Verteidigung, der im Jahr 1967 mit dem Austritt Frankreichs aus den Militärstrukturen des Bündnissen seinen Höhepunkt und Abschluss fand.

International

Der Aufbau der Bundeswehr

Nach dem Beitritt der Bundesrepublik zur NATO am 9. Mai 1955 war die Zeit der theoretischen Planungen vorbei und die Bundesregierung musste in Sachen Streitkräfteaufbau Farbe bekennen.

Am 7. Juni 1955 wurde das Amt Blank, das bisher als ein Quasi-Verteidigungsministerium die gesamte Planungsarbeit für den EVG-Beitrag der Bundesrepublik geleistet hatte, offiziell in Bundesministerium für Verteidigung umbenannt und Theodor Blank wurde damit der erste Verteidigungsminister der Bundesrepublik Deutschland.

Im Rahmen der Aufstellung der Bundeswehr nach dem NATO-Beitritt brachte der Sicherheitsbeauftragte der Bundesregierung Blank folgende Gesetze auf den Weg: Das Soldatengesetz (in der Frühphase war von einem Freiwilligengesetz die Rede), das Eignungsübungsgesetz, das Besoldungsgesetz, das Versorgungsgesetz, die Disziplinarordnung und das Schutzbereichs- und Landbeschaffungsgesetz. Das Gesetzgebungsverfahren zog sich zäh und unterschiedlich lange hin.

Um schnell eine gesetzliche Basis für den Aufbau erster Bundeswehrkontingente zu bekommen, wurde von Seiten der Bundeswehr auf die langwierige Beratung eines umfassenden Soldatengesetzes verzichtet und satt dessen ein Gesetz über die vorläufige Rechtsstellung der Freiwilligen (Freiwilligengesetz) auf den Weg gebracht.

Im Juni und Juli 1955 verabschiedete der Bundestag die ersten Wehrgesetze, das Freiwilligengesetz sowie das Gesetz über den Personalgutachterauschuss, der über die Wiederverwendung von ehemaligen Offizieren der Wehrmacht entscheiden sollte.

Im September 1955 gab die Bundesregierung den Aufstellungsplan für die Streitkräfte bekannt. Die Planungen sahen vor, bis zum Januar 1959 12 Heeresdivisionen aufzustellen und der Aufbau von Marine und Luftwaffe bis zum Januar 1960 abzuschließen. Die Gesamtkosten für den Aufbau der Bundeswehr sollten 51 Milliarden DM betragen.

Die Sache war jedoch alles andere als einfach: Noch fehlten die gesetzlichen Rahmenbedingungen, unter denen der Aufbau der neuen Bundeswehr erfolgen sollte. Die personellen Ressourcen, aus denen die neuen Streitkräfte rekrutiert werden sollten, waren alles andere als üppig. Schließlich war eine materielle Grundlage in Form einer funktionierenden Rüstungsindustrie ebenfalls nicht vorhanden. Was an militärischer Infrastruktur in der Bundesrepublik verfügbar war, war entweder von den Streitkräften der Besatzungsmächte belegt oder wurde in anderer Form genutzt. Trotzdem, das Commitment der Bundesregierung, innerhalb der nächsten vier Jahren eine 500 000-Mann-Armee aufzubauen, stand.

Mit dem Aufstellungsbefehl Nr. 1 vom 4. Oktober 1955 tat der neue Verteidigungsminister den ersten Schritt und befahl  die Aufstellung der Teilstreitkräfte Heer, Luftwaffe und Marine. Der Startschuss für die neue Bundeswehr fiel am 12. November 1955. An diesem Tag überreichte Verteidigungsminister Blank den ersten 100 Freiwilligen ihre Ernennungsurkunden. Anfang 1956 rückten 1000 Freiwillige der neuen deutschen Armee nach Andernach (Heer), Nörvenich (Luftwaffe) und Wilhelmshaven (Marine) ein.

Wehrgesetze, die zum Aufbau der Bundeswehr verabschiedet wurden:

Gesetz verabschiedet am
Wehrpflichtgesetz 7. Juli 1956
Soldatengesetz 19. März 1956
Wehrstrafgesetz 30. März 1957
Wehrdisziplinarordnung 15. März 1957
Schutzbereichgesetz 7. Dezember 1956
Soldatenlaufbahnverordnung (SLV) 21. März 1958
Soldatenversorgungsgesetz (SVG) 26. Juli 1957
Vorgesetztenverordnung (VorgV) 4. Juni 1956
Wehrbeschwerdeordnung (WBO) 23. Dezember 1956

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Aufbau des Heeres

Für das Heer der Bundeswehr sah die Planung eine Gliederung in 12 Divisionen vor, so wie dies auch die EVG-Planungen vorgesehen hatten. Dies stellt zugleich die Ober- wie Untergrenze dar: Die WEU-Bestimmungen ließen nicht mehr zu und die NATO-Forderungen nicht weniger. Als übergeordnete Kommandos sahen die Planungen drei Korps vor.

Durch den Aufstellungsbefehl Nr. 19 vom 16. Juni 1956 befahl das Verteidigungsministerium die Einrichtung des Heeresstabes I in Münster, der am 1. Oktober 1956 in Stab I. Korps umbenannt wurde. Die Aufstellung der 1. und der 3. Panzerdivision wurde am 1. bzw. 2. Juli 1956 befohlen; beide Divisionen wurden am 15. September dem I. Korps unterstellt. Im November 1956 bestand das Korps aus etwa 10.500 Soldaten. Innerhalb eines guten Jahres gelang eine Verdoppelung der Personaldecke auf 20.000 Mann. Bei der Aufstellung der Truppe wurde auf Bataillonsebene nach dem Prinzip der Zellteilung verfahren, indem ein Bataillon nach jeweils sechs Monaten zur Bildung zweier neuer Bataillone halbiert und anschließend auf Sollstärke aufgefüllt wurde. Der Korpsstab und die 1. Division wurden am 1. Juli 1957, die 3. Division ein halbes Jahr später der NATO assigniert.

Mit dem gleichen Aufstellungsbefehl wurde der Aufstellungsstab Süd mit dem Aufbau des II. Korps in Ulm zum 2. Juli beauftragt. Zu den untergeordneten Truppenteilen des II. Korps zählten die 2. Grenadierdivision, die am 1. Juli 1956 in Kassel aufgestellt wurde, die 4. Grenadierdivision, die am 1. Juli 1956 in München aufgestellt und am 15. Dezember 1956 nach Regensburg verlegt wurde sowie die 5. Panzerdivision, die ab 1. August 1956 in Grafenwöhr aufgestellt und im im Februar und März 1957 nach Koblenz und Wetzlar verlegt wurde. Als aus dem üblichen Gliederungsschema herausfallend kamen zum zweiten Korps noch die 1. Gebirgsdivision (Aufstellung am 14. November 1956 in Mittenwald) und die 1. Luftlandedivision (Aufstellung am 2. Januar 1957 in Esslingen).

Die Aufstellung des dritten deutschen Korps erfolgte etwas später. Erst am 16. März 1957 begannen in Koblenz die Vorbereitung zur Aufstellung des Korpsstabes. Die Auffüllung mit Divisionen erfolgte bei diesem Korps in der Anfangsphase vor allem durch Abgaben des II. Korps. Am 1. Juli 1957 wurde die 2. Grenadierdivision aus dem Befehlsbereich des II. Korps herausgelöst und dem III. Korps unterstellt. Ebenfalls 1957 schied die 5. Panzerdivision aus dem Unterstellungsverhältnis beim II. Korps aus und wurde dem III. Korps unterstellt. Auch das I. Korps musste eine Division abgeben. Zum 1. Dezember 1958 wechselte die 7. Panzerdivision vom I. Korps zum III. Korps.

An Korpstruppen standen jedem Korps ein Feldzeugregiment für den Bereich Instandsetzung, ein Korpsartilleriekommando mit einem Raketenartilleriebataillon, einem Nachschubbataillon und Topographieeinheiten zur Verfügung. Ferner ein Sanitätskommando, ein Fernmeldekommando, ein Korpsflugabwehrkommando sowie eine Pionierkommando.

Buch zum Thema

Flugkörpergeschwader 1


Das Heer 1950 bis 1970: Konzeption, Organisation und Aufstellung


Die Autoren werten erstmals breit die Quellen aus und können daraufhin Konzeption und Aufbau eines neuen deutschen Heeres im Rahmen der NATO nachzeichnen. Sie analysieren die deutschen Ansätze für moderne Landstreitkräfte im Spannungsbogen zwischen atomarer Abschreckung und konventioneller Bündnisverteidigung. Das Besondere des deutschen Heeresbeitrags stellt das Konzept einer beweglichen Kriegführung dar, mit dem die einseitige Abhängigkeit von Atomwaffen reduziert werden soll. Der Aufbau konventioneller Verbände und ihre Umrüstung im Zuge der Strategieentwicklung in der NATO spiegelt sich wider in den notwendigen Anpassungen wechselnder Heeresstrukturen und modernisierter Rüstung.

Autoren: Michael Poppe, Helmut R Hammerich, Dieter H Kollmer und Martin Rink
Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2006, 832 Seiten
ISBN: 978-3486579741

Aufbau der Luftwaffe

Auch die ersten Planungen für die neu aufszustellende deutsche Luftwaffe basierten noch auf den Rahmenbedingungen der gescheiterten EVG.

Danach sollten folgende fliegende Verbände aufgestellt werden: 4 Jagdverbände in Goch/Niederrhein, Nörvenich, Mannheim und Söllingen/Baden, ferner 10 Jagdbomberverbände in Rheine, Achmer, Münster, Frankfurt, Frankfurt Rhein-Main, Giebelstadt, Fürstenfeldbruck, Neubiberg und Freiburg sowie 2 Transportverbände in Lahr/Schwarzwald und Celle. Die geplanten Verbände sollten mit 1900 Flugzeugen ausgestattet sein. Als Ergebnis diverser Verhandlungen im Rahmen der NATO wurde die Zahl der Flugzeuge für die deutsche Luftwaffe schließlich bei 1326 fixiert.

Als am 7. Juni 1955 die Dienststelle Blank in das Bundesministerium für Verteidigung umgewandelt wurde, bekam auch der nachgeordnete Luftwaffen-Bereich eine neue Struktur. Aus der bisherigen Planungsabteilung II/ PL/ L wurde die neue Unterabteilung II/ 6 Luftwaffe mit zahlreichen nachgeordneten Referaten. Erster Unterabteilungsleiter wurde der Oberst Werner Panitzki.

Der eigentliche Aufbau der Luftwaffe begann im Jahr 1956 mit der Einrichtung der ersten Flugzeugführerschulen an folgenden Stationierungsorten:

  • FFS A (Grundschulung) in Landsberg,
  • FFS B (Fortgeschrittenen- und Jetschulung) in Fürstenfeldbruck und
  • FFS S (Transportflieger- und Hubschrauberausbildung sowie Blindflugschule) in Memmingen, mit Außenstellen in Mengen und Friedrichshafen, ab 1958 in Wunstorf, Diepholz (bis 1963) und Faßberg.

An weiteren Luftwaffenschulen wurden in Lechfeld die Technische Schule L und in Kaufbeuren die Technische Schule K eingerichtet. Weiterhin wurden zahlreiche Lehr- und Versuchseinheiten gebildet, so zum Beispiel in Putlos das Flugabwehrversuchsregiment und in Nörvenich eine Fernmeldelehr- und Versuchskompanie (im Februar 1957 nach Lechfeld verlegt).

Für die Aufstellung der fliegenden Einheiten legte das Verteidigungsministerium den folgenden ersten Plan vor:

Einheit Standort
Lufttransportgeschwader 61 Diepholz
Lufttransportgeschwader 62 Erding
Tagjägergeschwader 11 Leck
Tagjägergeschwader 12 Illesheim
Tagjägergeschwader 13 Nörvenich
Tagjägergeschwader 14 Limburg
Jagdbombergeschwader 31 Stade
Jagdbombergeschwader 32 Büchel
Jagdbombergeschwader 33 Wittmundhaven
Jagdbombergeschwader 34 Herrenberg/Baden-Württemberg
Jagdbombergeschwader 35 Hesepe/Cloppenburger Land
Jagdbombergeschwader 36 Rißtissen/Ulm
Jagdbombergeschwader 37 Nordhorn
Jagdbombergeschwader 39  Bissel/Bremen
Aufklärungsgeschwader 51 Rotenburg/Wümme
Aufklärungsgeschwader 52 Manching
Aufklärungsgeschwader 53 Achmer/Osnabrück

Was diesen Plan zum Scheitern verurteilte, war nicht die Anzahl der Einheiten, sondern das dahinter stehende Dislozierungskonzept. Mit Ausnahme der beiden Transportgeschwader war für alle anderen Einheiten vorgesehen, diese auf jeweils drei Standorte mit je einer fliegenden Staffel zu verteilen. Diese Organisation hätte insgesamt 51 Flugplätze erfordert. Eine schnelle Umsetzung war damit wegen der fehlenden Infrastruktur illusorisch. Daher wurde diese Planung revidiert und eine Dislozierung ins Auge gefasst, die für jedes Geschwader einen Flugplatz vorsah. Die folgende Tabelle zeigt die realen Abläufe bei der Aufstellung der fliegenden Geschwader der neuen Luftwaffe:

Einheit Befehl Aufstellung Erster Standort Flugzeug
Lufttransportgeschwader 61 Nr. 47 vom 29. Januar 1957 01.03.1957 Erding Douglas C- 47
Jagdbombergeschwader 31 Nr. 67 vom 17. September 1957 01.02.1958 Nörvenich F-84F
Jagdbombergeschwader 32 Nr. 87 vom 29. April 1958 01.06.1958 Lechfeld F-84F
Jagdbombergeschwader 33 Nr. 49 B vom 21. Juni 1958 01.07.1958 Büchel F-84F
Jagdbombergeschwader 34 Nr. 96 vom 17. September 1958 01.10.1958 Nörvenich F-84F
Jagdbombergeschwader 35 Nr. 97 vom 17. September 1958 01.12.1958 Büchel und Nörvenich F-84F
Jagdgeschwader 72 Nr. 118 vom 1. April 1959 01.04.1959 Oldenburg F-86 Sabre MK 6
Aufklärungsgeschwader 51 Nr. 124 vom 10. April 1959 01.04.1959 Erding RF- 84F
Aufklärungsgeschwader 52 Nr. 125 vom 10. April 1959 01.04.1959 Erding RF- 84F
Jagdgeschwader 71 Nr. 110 vom 28. Januar 1959 06.06.1959 Ahlhorn F-86 Sabre MK 6
Lufttransportgeschwader 62 Nr. 107 vom 25. September 1959 01.10.1959 Celle/Köln- Wahn Noratlas
Jagdgeschwader 73 Nr. 119 vom 1. April 1959 01.12.1959 Oldenburg F-86 Sabre MK 6
Aufklärungsgeschwader 53 Nr. 154 vom 21. Juli 1960 01.10.1960 Erding Fiat G-91
Jagdgeschwader 75  Nr. 155 vom 21. Juli 1960 01.10.1960 Leipheim F-86K Sabre
Jagdbombergeschwader 36 Nr. 180 vom 13. März 1961 01.04.1961 Nörvenich F-84F
Lufttransportgeschwader 63 Nr. 195 vom 19. Oktober 1961 15.12.1961 Celle Noratlas
Aufklärungsgeschwader 54 Nr. 204 vom 6. März 1962 01.04.1962 Erding Fiat G-91

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Flugzeuge der Luftwaffe

Die ersten Flugzeuge der neugeschaffenen deutschen Luftwaffe (Quelle: Luftwaffe).

Die Revision der NATO-Strategie 1954

Im Laufe des Jahres 1954 ergab sich für die NATO aus mehreren Gründen die Notwendigkeit einer Revision ihrer bis dahin gültigen Militärstrategie.

Wichtigster Grund bildete die im vorigen Kapitel angesprochene Neuformulierung der amerikanischen Militär- und Sicherheitspolitik im Zeichen des New Look der Administration Eisenhower-Dulles, die die Allianz vor die Notwendigkeit einer Angleichung ihrer militärstrategischen Vorstellungen an die ihres politisch, wirtschaftlich und militärisch potentesten Partners stellte.

Eine weitgehende Kongruenz der Militärstrategie der NATO mit der ihres dominierenden Partners stellte die Grundlage jeglicher alliierter Verteidigungsbemühungen dar. Weiterhin wurde 1954, am Ende der Laufzeit des 1952 in Lissabon beschlossenen Streitkräfteplans, das Scheitern der in der Frühphase unter dem Eindruck des Koreakrieges entworfenen militärstrategischen Konzepts evident. Statt der zu diesem Zeitpunkt vorgesehenen Streitkräfte in Europa im Umfang von fast 100 Divisionen standen Mitte der fünfziger Jahre im Abschnitt Europa Mitte nur folgende Kräfte zur Verfügung:

Land Divisionen Stärke
Großbritannien 4 Divisionen 90 000
Canada 1 Brigade 5 000
Niederlande 2 Divisionen 35 000
Belgien 3 Divisionen 55 000
Frankreich 2 Divisionen 35 000
USA 5 1/2 Divisionen 135 000
Total 16 2/3 Divisionen 355 000

Dies entsprach nicht annähernd dem bis dahin für eine halbwegs erfolgversprechende Verteidigungskonzeption für notwendig erachteten Truppenumfang. Ferner stellten die zunehmenden Fortschritte der Sowjetunion auf dem Gebiet der nuklearen Rüstung die Militärpartner der NATO vor eine völlig neue Lage und kofrontierte sie zum ersten Mal mit der Möglichkeit eines auch mit nuklearen Waffen vorgetragenen Angriffs der Sowjetunion auf das Gebiet und die Streitkräfte der Allianz.

Dies konnte nicht ohne Konsequenz für die Streitkräftestrukturen und -dislozierungen, sowie für die operativen Planungen der alliierten Militärbehörden bleiben. So wurde zum Beispiel bislang von den NATO-Militärs mangels ausreichender konventioneller Kräfte betriebene Auflockerungen der eigenen Verbände angesichts der nuklearen Bedrohung zu einer militärstrategischen Notwendigkeit.

Weiterhin hatten die beiden Nuklearmächte der Allianz, die USA und Großbritannien, im Hinblick auf eine stärkere Betonung der Nuklearwaffen in der Verteidigungskonzeption der NATO bereits einige vollendete Tatsachen geschaffen. Nach Aussagen des Oberbefehihabers der NORTHAG, Sir Richard Gale, verfügten die britischen Streitkräfte in diesem Kommandobereich seit Februar 1953 über nukleare Waffensysteme für Einsätze auf dem Gefechtsfeld.

Die 7. US-Army, disloziert im Kommandobereich GENTAG, wurde ebenfalls ab 1953 mit nuklearen Gefechtsfeldwaffen ausgerüstet. Bis 1955 wurde diesen Streitkräften ca. 30 Atomkanonen 280 mm und eine gößere Anzahl ballistischer Kurzstreckenraketen der Typen Honest John und Corporal zugeführt. Daneben verfügten die amerikanischen und britischen taktischen Luftflotten in Europa über eine größere Anzahl von Flugzeugen mit so genannte "nuclear capability". Die USAFE hatte in der Bundesrepublik darüber hinaus 2 Staffeln (ca. 150 Maschinen) des ferngesteuerten Flugkörpers Matador mit einer Reichweite von rund 1000 km und nuklearer Kapazität disloziert.

Nicht zuletzt die wirtschaftlichen Argumente, die zu einer Revision der amerikanischen Militärpolitik geführt haben, stießen bei den europäischen Mitgliedern der Allianz auf offene Ohren.

Die NATO-Strategiepapiere MC 48 und MC 14/2

Aufgrund dieser sich wandelnden politischen und strategischen Gegebenheiten begann das Alliierte Oberkommando Europa (SHAPE) ab 1954 seine operativen Planungen einer Revision zu unterziehen und sein im NATO-Dokument MC 14/1 niedergelegten Konzept einer kombinierten nuklearen und konventionellen Verteidigung in Richtung einer stärkeren Betonung der Nuklearwaffen zu modifizieren.

Die bisher vertretene Ansicht, daß zu einer erfolgreichen Verteidigung des NATO-Gebiets in erster Linie starke konventionelle Landstreitkräfte erforderlich seien, wurde fallengelassen, "die Vorherrschaft der (nuklear gerüsteten) Luftwaffe war unter der Leitung des Fliegergenerals Lauris Norstad, der den Oberbefehl in Europa übernommen hatte, angebrochen." In den revidierten und vorwiegend an einem nuklearen Kriegsbild orientierten Planungen der NATO-Militärbehörden waren den Streitkräften fortan folgende Funktionen zugedacht:

  • Die Landstreitkräfte, auch als "Schildstreitkräfte" bezeichnet, sollten selbständig nur noch zur Bereinigung örtlicher Grenzzwischenfälle und übergriffe in der Lage sein. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, den Gegner im Falle eines beabsichtigten Angriffs zu einer Konzentration seiner Kräfte zu zwingen, die seine aggressiven Absichten klar erkennbar machen würden und seine Streitkräfte für einen nuklearen Gegenschlag verwundbar machen würde. Ihre Funkton war letztlich die eines "Stolperdrahts", der den nuklearen Gegenschlag der taktischen und strategischen Luftstreitkräfte auslösen sollte. Zur Wahrnehmung dieser Aufgabe wurden für den Bereich Mitteleuropa ein Streitkräfteumfang von 30 Divisionen, verstärkt durch nukleare Gefechtsfeldwaffen, für ausreichend erachtet.
  • Die Hauptaufgabe fiel den taktischen und strategischen Luftstreitkräften, auch Schwertstreitkräfte bezeichnet, zu. Erstere sollten mit nuklearem Feuer die gegnerische Luftwaffe, möglichst noch am Boden, die Führung- und Kommandostruktur, Truppenansammlungen und Nachschubeinrichtungen des Gegners zerstören, während letztere den Hauptschlag gegen die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen des Gegners führen sollte und damit die Entscheidung herbeiführen sollte.

Diese, gemeinhin als Schild- und Schwerttheorie bezeichneten Planungen der NATO-Militärbehörden wurden vom NATO-Rat im Dezember 1954 im Grundsatz gebilligt, wobei allerdings der Primat der Politik unter den Einsatz von Nuklearwaffen ausdrücklich betont wurde. Dazu hieß es im Schlußkommunique vom 19. Dezember 1954:

"6. Der Rat prüfte einen Bericht des Militärausschusses über die Frage, wie die militärische Verteidigungsstärke der NATO in den kommenden Jahren am wirksamsten gestaltet werden kann, wobei moderne Entwicklungen bei den Waffen und der Kriegsführung in Rechnung gestellt werden. Der Rat genehmigte diesen Bericht als Grundlage für die Verteidigungsplanung und die Vorbereitungen seitens der Militärbehörden der NATO, wobei festgestellt wurde, daß diese Genehmigung keine übertragung der Verantwortlichkeit von Regierungen in sich schließt, im Kriegsfalle Beschlüsse über die Verwirklichung von Plänen zu fassen."

Die Quintessenz der neuen NATO-Strategie bestand in der Absicht, jeden Angriff des Warschauer Pakts, ob mit konventionellen Kräften oder mit Nuklearwaffen vorgetragen, mit einem massiven nuklearen Gegenschlag zu beantworten. Das oberste Prinzip hieß fortan nicht mehr Verteidigung, sondern Vergeltung, notfalls mit einem totalen nuklearen Inferno. Die Details dieser strategischen Planungen wurden in den Dokumenten des Militärausschusses MC 48 vom Dezember 1956 und MC 14/2 vom 21. März 1957 niedergelegt.

Die Bundeswehr und die neue NATO-Strategie

Im Mai 1957 und im Juli 1956 kam es anläßlich der Verabschiedung des Wehrpflichtgesetzes im deutschen Bundestag zum ersten Mal zu einer umfangreichen Debatte über die Militärstrategie der NATO und ihr Verhältnis zur Konzeption der deutschen Wiederbewaffnung.

Diese Debatte ließ zwei Probleme evident werden:

  • Die konträren Auffassungen der Bundesregierung und der Opposition in der Frage der Notwendigkeit einer Allgemeinen Wehrpflicht. Paradoxerweise untermauerten beide Lager ihre Standpunkte mit Hinweisen auf die gültige NATO-Strategie.
  • Die mangelnde Orientierung der Bundesregierung über die Details der revidierten militärstrategischen Planungen der NATO. Dies mag zum Teil die Folge der erst knapp einjährigen Präsenz der Bundesrepublik in den Gremien der NATO gewesen sein, hing jedoch auch zum guten Teil mit dem weithin erkennbaren Desinteresse der politischen Führung an Fragen der modernen Militärstrategie zusammen.

In der Parlamentsdebatte im Sommer 1956 verteidigten die Sprecher der Regierungsparteien ihren Standpunkt in der Frage der Allgemeinen Wehrpflicht im wesentlichen mit folgenden Argumenten:

  • Die Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht in der Bundesrepublik deckte sich mit den in den letzten Jahren wiederholt von der NATO und den USA vorgebrachten Forderungen nach einem starken konventionellen Beitrag der Bundesrepublik zur atlantischen Allianz.
  • Die Bereitstellung eines starken konventionellen Beitrags der Bundesrepublik enthebe die NATO des Zwangs zum frühzeitigen Einsatz von Nuklearwaffen, dessen Folgen auch für die Bundesrepublik verheerend sein müßten.
  • Schließlich garantierte ein starkes deutsches Kontingent zu den Streitkräften der NATO die Realisierung einer sogenannten Vorwärtsstrategie, d.h. einer Verteidigung der Bundesrepublik soweit ostwärts wie möglich. Der Raum zwischen Elbe und Rhein sei dann nicht mehr länger nur Vorfeld, "das man nach Belieben verteidigen oder aufgeben könne."

Demgegenüber wies die Opposition in ihrer Argumentation immer wieder darauf hin, daß die konventionellen Strategievorstellungen der Regierung durch die revidierten NATO-Planungen von 1954 längst überholt seien. So betonte zum Beispiel Fritz Erler (SPD) in seinem Beitrag:

"Ich wiederhole: Die Strategie des Atlantikpakts läßt gar keinen Zweifel daran, daß ein bewaffneter Konflikt in Europa keine Aussicht hat, - auch mit 500 000 deutschen Soldaten nicht -, ein Konflikt mit konventionellen Waffen zu bleiben, sondern die Planungen der atlantischen Organisation gehen von dem sofortigen und direkten Einsatz von Atomwaffen im Konfliktsfall in Europa aus."

Trotzdem vermied es die SPD, sich auf die Nuklearstrategie der NATO als Alternative zur Regierungspolitik festzulegen, sondern schlug vielmehr vor, die Entscheidung über die Allgemeine Wehrpflicht bis zum Vorliegen etwaiger Verhandlungsergebnisse mit dem Osten aufzuschieben.

Dieser Vorschlag fand jedoch im Bundestag keine Zustimmung, statt dessen wurde am 7. Juli 1956 das von der Regierung eingebrachte Wehrpflichtgesetz mit 269 gegen 166 Stimmen verabschiedet. Kaum eine Woche nach Verabschiedung des Wehrpflichtgesetzes veröffentlichte die New York Times am 13. Juli 1956 einen Plan des Vorsitzenden der Vereinigten Stabchefs, Admiral Radfords, demzufolge als Konsequenz der neuen NATO-Strategie die konventionellen Streitkräfte der USA drastisch reduziert, die amerikanische Präsenz in Europa verringert und die Rolle der Nuklearwaffen noch stärker als bisher betont werden sollte.

Auch die Notwendigkeit der Bereitstellung von 500 000 deutschen Soldaten wurde angeblich in Zweifel gezogen. Die Veröffentlichung des Radford-Plans manifestierte in deutlicher Weise die Fragwürdigkeit der verteidigungspolitischen und militärstrategischen Position der Bundesregierung und ihren mangelnden Konsens mit der gültigen NATO-Strategie, führte zu einer merklichen Abkühlung im deutsch-amerikanischen Verhältnis, zu lautstarken Klagen über die mangelnde Konsultation im Bündnis, verhärtete die Position der Opposition in verteidigungs- und sicherheitspolitischen Fragen, leitete umfangreiche außenpolitische Aktivitäten der Bundesregierung zur Abschwächung oder gar Verhinderung dieses Planes ein und führte schließlich zu einer personellen und inhaltlichen Bestandsaufnahme der Militärpolitik der Bundesregierung und zu einer weitgehenden Revision des bisher verfochtenen Kurses.

Im einzelnen entfaltete die Bundesregierung auf zwei Ebenen umfangreich politische Aktivitäten:

  • Außenpolitisch versuchte sie in einer Serie von Besuchen und Gegenbesuchen sowie Konferenzen auf multilateraler Ebene gegen den neuen Kurs der amerikanischen Militärpolitik anzugehen, wobei besonders in der Frage der amerikanischen Präsenz in Europa von Adenauer eine unnachgiebige Haltung eingenommen wurde. Diese Bemühungen waren insoweit erfolgreich, als gravierende Auswirkungen auf die militärische Position der NATO in Europa weitgehend verhindert werden konnten.
  • In der nationalen Militärpolitik führte die erwähnte Bestandsaufnahme untr anderem zur Ablösung des Verteidigungsministers Blank durch den Atomminister Franz Josef Strauß, zu einer Reduzierung der ursprünglich für notwendig erachteten achtzehnmonatigen Wehrdienstzeit auf zwölf Monate und schließlich zu einer allgemeinen Verlangsamung des geplanten Aufbautempos der Bundeswehr.

Die Ausrüstung der NATO mit taktischen Nuklearwaffen

Die Ausrüstung der NATO-Streitkräfte mit nuklearen Waffensystemen, oder besser gesagt mit Trägersystemen für nukleare Waffen, stellte den konsequenten Abschluß der Umstellung der Allianz auf eine Nuklearstrategie, wie sie mit den Beschlüssen vom Dezember 1954 intiiert worden war, dar und verlief in etwa nach folgendem Zeitplan:

  • Dezember 1954: Grundsätzlicher Beschluß des NATO-Rats über die Nuklearstrategie des Bündnisses.
  • Dezember 1956: Verabschiedung des entsprechenden Dokuments MC 48 des Militärausschusses.
  • Dezember 1956: Antrag der Regierungen Großbritanniens, Frankreichs, der Bundesrepublik, der Niederlage und der Türkei an die USA, den europäischen Verbündeten taktische Atomwaffen zur Verfügung zu stellen.
  • April 1957: Die USA bekunden ihre Bereitschaft, den Forderungen der europäischen Verbündeten soweit wie möglich nachzukommen.
  • März 1957: Verabschiedung des militärstrategischen Grundsatzdokuments MC 14/2 über das Overall Strategic Concept For The NATO Area.
  • Dezember 1957: Grundsätzlicher Beschluß des NATO-Rats über die Ausrüstung der NATO-Streitkräfte mit taktischen Nuklearwaffen, über die Anlegung von Lagern mit Atomwaffen für Zwecke des Bündnisses und über die Installierung nuklearer Mittelstreckenraketen in Europa nach dem sogenannten Zwei-Schlüssel-System.
  • April 1958: NATO-Verteidigungsminister verabschieden das Dokument MC 70 über die Details der Ausrüstung der NATO-Streitkräfte mit taktischen Nuklearwaffen.
  • Mai 1958: Der ständige NATO-Rat billigt den Plan MC 70, der damit zur verbindlichen Richtlinie für die nationalen und multilateralen Planungen der Allianz wird.

Als Gründe für diesen forcierten Ausbau der nuklearen Komponente der Verteidigungsstruktur der NATO lassen sich im wesentlichen drei Punkte anführen:

Die zunehmende Fähigkeit beider Weltmächte, sich im gegenseitigen Schlagabtausch zu vernichten, konnte die Sowjetunion zu der Annahme verleiten, die USA würden ihr strategische Potential nur oder erst dann ein-setzen, wenn es amerikanisches Territorium selbst zu schützen galt. Infolgedessen konnte sie versucht sein, die potentielle strategisch-nukleare Reaktion der USA durch die Begrenzung von Konflikten auf Europa zu unterlaufen. Mit der Einführung so genannter taktischen Nuklearwaffen und ihrer Stationierung in Europa sollte deshalb aus westlicher Sicht der Nuklearwaffeneinsatz weit herab gestuft werden, um dem potentiellen Gegner glaubhaft vor Augen zu führen, daß er mit jeder Art von Aggression das Risiko eines nuklearen Krieges einzugehen hätte.

Die westeuropäischen Partner der NATO wollten sich nicht damit zufriedengeben, der Allianz das konventionelle "Fußvolk" zu stellen, während die beiden Atommächte USA und Großbritannien den Status der "nuklearen Ritter" einnahmen, ganz abgesehen von der Befürchtung, die Sowjetunion könne sich im Falle eines Angriffs auf Mitteleuropa just auf jene Abschnitte des integrierten NATO-Verteidigungsgürtels konzentrieren, der nicht mit taktischen Nuklearwaffen ausgerüstet wäre. Der Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte Europa, General Lauris Norstad, nahm zu dieser Problematik im Zusammenhang mit einer Frage nach der Notwendigkeit der Ausrüstung der Bundeswehr wie folgt Stellung: "Solange sich die allgemeine Lage nicht verändert, sind defensive Atomwaffen zur Stärkung der Verteidigungskraft der Bundeswehr absolut unentbehrlich - zum Schutz der Bundesrepublik und zum Schutz der NATO - Völker und -Länder, das ist der rein militärische Standpunkt. Nun aber der deutsche Standpunkt: Wenn ich Deutscher wäre - und als Oberbefehlshaber Europa muß ich ja zu einem gewissen Teil deutsch denken - müssen wir von der sehr realen Tatsache ausgehen, daß es einen umfangreichen Verteidigungsbeitrag der Bundesrepublik an Streitkräften gibt bzw. geben wird. Es ist völlig undenkbar, daß diese Streitkräfte zu einer zweitrangigen Rolle versammt sein sollen, zu einer zweitklassigen Funktion, in der sie für die Verteidigung praktisch nutzlos würden. Wir können die deutschen Streitkräfte nicht unzureichend bewaffnen, das deutsche Volk kann nicht zulassen, daß seine Soldaten mit längst veralteten Waffen ausgerüstet werden."

Als Ausgleich zu den zunehmenden Fortschritten der Sowjetunion auf dem Gebiet der interkontinentalen Raketen, die sich in dem Start des Sputniks im Oktober 1957 aller Welt deutlich manifestierten, waren die USA an einer Stationierung von Mittelstreckenraketen auf europäischem Boden stark interessiert, da sie auf dem Gebiet der interkontinentalen Raketen noch relativ weit zurück lagen. Es war deshalb in diesem Zusammenhang von einer Art Tauschgeschäft die Rede, bei dem die USA den Europäern die geforderten taktischen nuklearen Waffensysteme zur Verfügung stellten, während diese den Amerikanern die gewünschten Basen für ihre Mittelstreckenraketen anboten.

Dies war für die Europäer nicht ohne Risiko, wenn man bedenkt, daß im Konfliktsfall die Basen der Mittelstrecken-Raketen und damit die Territorien der sie beherbergenden Staaten wohl bevorzugtes Ziel der sowjetischen Nuklearwaffen sein würden.

Die Atomdebatte in der Bundesrepublik 1957

In der Bundesrepublik löste die Frage einer Ausrüstung der Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen ein lebhaftes innenpolitisches Echo aus, das zeitweise den Umfang der außerparlamentarischen Oppositon der späteren sechziger Jahre annahm.

Die Bundesregierung versuchte in dieser Situation vor allem auf Zeit zu spielen, weil sie negative Auswirkungen auf die bevorstehende Bundestagswahl befürchtete.

Den Auftakt der Atomdebatte in der Bundesrepublik bildete die Große Anfrage der SPD an die Bundesregierung vom 2. April 1957, in der die Opposition der Regierung neun Fragen zum Komplex Nuklearwaffen und Militärstrategie vorlegte, sowie das Manifest von achtzehn führenden Wissenschaftlern vom 12. April 1957, in dem vor einer Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen gewarnt wurde. In der parlamentarischen Atomdebatte vom 10. Mai 1957, in der die Große Anfrage der SPD behandelt wurde, prallten die gegensätzlichen Ansichten von Opposition und Bundesregierung wiederum in aller Schärfe aufeinander. Die SPD forderte von der Regierung den Verzicht auf die Ausrüstung der Bundeswehr mit Nuklearwaffen und ein Verbot der Stationierung solcher Waffen durch alliierte Streitkräfte auf dem Gebiet der Bundesrepublik.

In der ersten Frage zog sich die Regierung, wohl im Hinblick auf die anstehende Bundestagwahl, auf die Feststellung zurück, die Ausrüstung der Bundeswehr mit nuklearen Waffensystemen stehe erst in etwa zwei Jahren zur Entscheidung an und die ganze Problematik entbehre daher im Augenblick jeglicher Aktualität. In der zweiten Frage konnte sie mit einigem Recht darauf hinweisen, man könne von den USA und der NATO nicht einerseits eine Sicherheitsgarantie verlangen, ihnen jedoch gleichzeitig zuzumuten, "mit einer der Roten Armee hoffnungslos unterlegenen Bewaffnung ausgerüstet zu sein."

Aufgrund des ausweichenden Verhaltens der Bundesregierung ging der parlamentarische Vorstoß der Opposition weitgehend ins Leere. Erst im Frühjahr 1958, als die Regierung im Bundestag um die Zustimmung des Parlaments zum Erwerb von taktischen Atomwaffen für die Bundeswehr einkam, entbrannte die Atomdebatte in der Bundesrepublik aufs Neue. Die SPD, die das angekündigte zweijährige Moratorium in dieser Frage als ein taktisches Manöver der Regierung entlarvt sah, entfachte eine Kampagne gegen die Atompolitik der Bundesregierung auf allen Ebenen, jedoch wiederum ohne Erfolg.

Mit der Zustimmung des neuen Vertreters beim Ständigen NATO-Rat zum Plan MC 70 am 1. Mai 1958 wurde die darin vorgesehene Ausrüstung der Allianzstreitkräfte mit taktischen Atomwaffen auch für die Militär- und Rüstungspolitik der Bundesregierung zur verbindlichen Richtlinie. Für die strukturelle Entwicklung der Bundeswehr hatte der Entschluß, sie mit nuklearen Waffensystemen auszurüsten, weitreichende Konsequenzen:

  • Die bisher überwiegend unter konventionellen Gesichtspunkten vorangetriebene Wiederaufrüstung mußte total revidiert werden.
  • Die Grundsätze über Größe, Organisation und Ausrüstung der Streitkräfte mußten nach Maßgabe von MC 70 neu formuliert und realisiert werden.
  • Trägersysteme für taktische Nuklearwaffen kamen auf allen Ebenen bei den Teilstreitkräften Heer und Luftwaffe zur Einführung.

Als Konsequenz der überhasteten Umrüstung der eben erst im Aufbau begriffenen Bundeswehr ergaben sich zahlreiche Probleme, die Regierung und öffentlichkeit noch bis weit in die sechziger Jahre hinein beschäftigten.

Integrierte Verteidigung

Für die neu geschaffene NATO zählte die Verstärkung der Truppen und der Aufbau einer integrierten Verteidigungsorganisation zu den Aufgaben mit der höchsten Priorität.

Den Anfang der Bemühungen markierte ein im April 1950 verabschiedeter Vierjahresplan, in dem der Ausbau der zu diesem Zeitpunkt eher mageren Kräftebilanz (Mitte 1950 verfügte die NATO über 14 Divisionen und rund 1000 Fluzeuge) konzipiert wurde.

Nach Ausbruch des Koreakrieges am 25. Juni 1950 wurden die Bemühungen um eine Verstärkung der NATO-Streitkräfte intensiviert. Zu diesem Zweck wurden 1950 geschaffen:

Die Organe der NATO 1957

Die Organe der NATO 1957

Für den Bereich Europa das Allied Command Europe (ACE) mit einem Supreme Allied Commander Europe (SACEUR) an der Spitze und einem integrierten Kommandostab (SHAPE) mit Sitz in Rocquencourt bei Paris.

NATO-Befehlsbereich-Europa

Gliederung ACE 1957

Für den Bereich Atlantik das Allied Command Atlantic (ACLANT) mit dem Supreme Allied Commander Atlantic (SACLANT) an der Spitze. Sitz dieses integrierten Kommandostabs wurde der Marinestützpunkt Norfolk in den USA. Beide Kommandobereiche wurden ständig von amerikanischen Generalen bzw. Admiralen geführt.

NATO-Befehlsbereich-Atlantik

Gliederung SACLANT 1957

Für den Bereich ärmelkanal und südliche Nordsee wurde das Allied Command Channel (ACCHAN) geschaffen und ein britischer Admiral mit der Führung des Kommandos (CINCHAN) betraut. Die Errichtung dieses Kommandos kann wohl eher als ein Ergebnis englisch-amerikanischer Rivalitäten um Kompetenzen und Führung der SACLANT betrachtet werden, denn als ein Gebot militärstrategischer Notwendigkeiten. Die langen Verhandlungen, die der Bildung dieses Kommandos im Gegensatz zu dem europäischen vorausgingen, lassen einen solchen Schluss zu.

Dem Aufbau dieser drei Obersten Kommandobereiche folge nach und nach die Strukturierung einer umfangreichen integrierten Verteidigungsorganisation mit zahlreichen regionalen Untergliederungen, die jedoch durch zahlreiche militärstrategische, mehr jedoch durch politische Probleme erschwert wurde.

Zum ersten Obersten Alliierten Befehlshaber in Europa (SACEUR) wurde im April 1951 der berühmte Weltkriegs II-General Eisenhower ernannt. Der rechtliche Rahmen für die integrierten Militärstäbe wurde auf der Tagung des Nordatlantikrats vom 15.-29. September 1951 in Ottawa verabschiedet. Im so genannten Ottawa-Abkommen wurde die Rechtsstellung der NATO, der nationalen Vertreter und des internationalen Personals geregelt.

Zur Prüfung der finanziellen Aspekte der integrierten Verteidigung der NATO wurde auf dieser Tagung in Ottawa ferner ein Temporary Council Committee ins Leben gerufen. Dieses Komitee  beauftragte einen Dreier-Auschuss mit der Ausarbeitung einer Streikräfteplanung für die NATO, die auf der nächsten Ratstagung in Lissabon verabschiedet werden sollten.

Abrüstungsinitiativen in den fünfziger Jahren 

Nach dem Scheitern des ersten Versuches, im Rahmen der Vereinten Nationen zu einer Abrüstungsvereinbarung über atomare und konventionelle Rüstung zu kommen, unternahm die Vollversammlung am 13. Dezember 195o einen zweiten Anlauf.

Sie schlug in einer Resolution dem Sicherheitsrat vor, an Stelle der arbeitsunfähigen Atomenergiekommission und der ebenfalls gescheiterten Kommission für konventionelle Rüstung ein 12-Mächte-Gremium zu bilden, das die Möglichkeit einer gleichzeitigen atomaren und konventionellen Abrüstung prüfen sollte. Die neue Kommission bestand aus den 12 Mitgliedern des Sicherheitsrates und Kanadas und sollte sich gemäß einer weiteren Resolution der Vollversammlung mit folgendem Verhandlungsgegenstand beschäftigen: Ausarbeitung eines Vertragsentwurfs über Regelung, Begrenzung und ausgewogenen Reduktion aller Streitkräfte und aller Rüstungen, über die Eliminierung aller zur Massenvernichtung verwendbaren schweren Waffen und über eine wirksame internationale Kontrolle der Atomenergie zur Sicherstellung des Verbots atomarer Waffen und des Gebrauchs der Atomenergie zu freidlichen Zwecken.

Die Sowjetunion, die noch der Bildung eines solchen Gremiums zugestimmt hatte, widersprach dieser zweiten Resolution und legte der Vollversammlung einen eigenen Friedensplan vor, der auf dem Höhepunkt des Koreakrieges voller antiamerikanischen Sentenzen steckte. Der Tenor dieses Resolutionsentwurfs war jedoch charakteristisch für die Atmosphäre, in der die Abrüstungsverhandlungen der frühen fünfziger Jahre vor dem Hintergrund des Kalten Krieges ablaufen sollten.

So war denn auch die Arbeit des 12-Mächte-Komitees, das am 4. Februar 1952 seine Beratungen aufnahm, von wenig Erfolg begleitet. Nach einer Serie fruchtloser Debatten scheiterte die Kommission knapp ein Jahr nach ihrer Arbeitsaufnahme an den konträren Auffassungen der beiden Großmächte in folgenden Fragen:

  • die USA lehnten nach wie vor das Verlangen der Sowjetunion nach amerikanischen Vorleistungen auf dem atomaren Gebiet kategorisch ab.
  • über die Frage der Abrüstungsmodalitäten auf dem konventionellen Sektor konnte keine übereinstimmung erzielt werden. Während die Sowjetunion auf einer prozentualen Reduktion der Streitkräfte beharrte, plädierten die USA für eine Limitierung.
  • Die Sowjetunion lehnte die Schaffung einer Kontrollbehörde mit uneingeschränktem Inspektionsrecht strikt ab. Für die USA wiederum war eine Kontrolle essentieller Bestandteil jeglicher Abrüstung.

Angesichts der Unüberbrückbarkeit der Meinungsverschieden stellte die 12-Mächte-Abrüstungskommision im Frühjahr 1953 ihre Arbeit ein. Die Vollversammlung reagierte auf ihrer Herbstsitzung am 28. November 1953 auf das Scheitern der Abrüstungsgespräche mit einer neuen Initiative, die eine Verkleinerung des Komitees auf 5 Mitglieder vorsah und von der sie sich eine größere Effizienz der Verhandlungen erhoffte. Dem neuen Gremium, das den Status eines Subkomitees des formal noch bestehenden 12-Mächte-Gremiums haben sollte, gehörten neben den USA und der Sowjetunion die Länder Großbritannien, Frankreich und Kanada an.

Bis 1957 bildete dieses Komitee den institutionellen Rahmen, in dem die Abrüstungsgespräche im Rahmen der Vereinten Nationen verliefen, allerdings mit der gleichen Erfolglosigkeit wie in den vorausgegangenen Gremien. Das einzige konkrete Ergebnis der langjährigen Abrüstungsbemühungen konnte am 4. Dezember 1954 erzielt werden: Die UN-Vollversammlung beschloss einstimmig eine Resolution zur friedlichen Nutzung der Atomenergie und über die Einrichtung einer internationalen Atomenergiebehörde.

Die übereinstimmung erfolgte jedoch auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner, so dass von einem wirklichen Fortschritt nicht die Rede sein konnte und die Resolution über eine Absichtserklärung nicht hinauskam. Die errichtete Atomenergiebehörde hatte entsprechend minimale Kompetenzen und mit der 1945 von den USA (Baruch-Plan) angestrebten Institution nur noch den Namen gemeinsam. Sie wurde allerdings nach Abschluss des Atomwaffensperrvertrags in ihrer Funktion etwas aufgewertet.

Neben den Bemühungen der Vereinten Nationen, in der Abrüstungsfrage einen Erfolg zu erzielen, gab es auch einige Versuche außerhalb der Weltorganisation:

  • Hier ist vor allem die Genfer Gipfelkonferenz zu erwähnen (28. bis 30. Juli 1955), auf der das Problem Abrüstung eines der vier Hauptthemen der Konferenz war, jedoch ohne konkretes Ergebnis.
  • Ferner muss hier die Bundesrepublik Deutschland erwähnt werden, die bei ihrem Beitritt zum Brüsseler Vertrag der Westeuropäischen Union als erstes Land der Welt zu einer Rüstungsselbstbeschränkung bereit war.
  • Außerdem stand das Abrüstungsproblem auf der Tagesordnung zahlreicher Konferenzen der beiden Militärpakte NATO und Warschauer Pakt, ohne dass sich daraus nennenswerte Initiativen zu einer Beendigung des Wettrüstens ergeben hätten.

Die Abrüstungsverhandlungen innerhalb der Vereinten Nationen erlitten in den Jahren 1957 und 1958 zwei weitere Rückschläge:

  • Im September 1957 stellte das 5-Mächte-Subkomitee der 12-Mächte-Abrüstungekommission wegen anhaltender Erfolglosigkeit seine Arbeit ein.
  • Im Herbst 1958 erzwang die Sowjetunion auf Grund ihrer schwachen Position in den bisherigen Verhandlungsgremien eine Erweiterung der 12-Mächte-­Abrüstungskommission auf sämtliche Mitglieder der Vereinten Nationen. Diese Maßnahme bedeutete das vorläufige Ende einer konstruktiven Abrüstungspolitik im Rahmen der Vereinten Nationen.

Trotz des vorläufigen Scheiterns der Abrüstungsbemühungen der Vereinten Nationen, blieb das Problem vor allem zwischen den Großmächten weiter im Gespräche und es zeichnete sich sogar eine gewisse Annäherung in bislang unterschiedlicher Standpunkten ab. Die Sowjetunion rückte von ihrem bislang in allen Gesprächen vertretenen Grundsatz, dass die Abrüstung nur "allgemein und vollständig" sein, daher nur in einem Vertragspaket geregelt werden könne, ab und akzeptierte den Standpunkt der USA, die eine Abrüstung durch Teilabkommen als realistischer ansah. Trotzdem blieb das 1959 abgeschlossene Antarktisabkommen, das eine ausschließlich friedliche Nutzung dieses Gebiets vorsah, das einzige Ergebnis der Gespräche zwischen 1958 und 1961.

Immerhin stellte es das erste Abkommen über Abrüstungsfragen seit 1945 dar, sieht man von der Rüstungsselbstbeschränkung der Bundesrepublik Deutschland 1954 ab.

Andere Versuche zu Teilabkommen zu gelangen, scheiterten an den weiterhin besehenden Meinungsverschiedenheiten in Detailfragen:

  • Die Genfer Außenministerkonferenz 1959, auf der die Abrüstungsfrage im Rahmen eines europäischen Sicherheitsprogramms und eines Friedensvertrags für Deutschland zur Debatte stand, kam über den Austausch gegensätzlicher Ansichten und Pläne (Herter-Plan) nicht hinaus.
  • Ebenso scheiterte das von dieser Konferenz ins Leben gerufene 10-Mächte-Gremiums für Abrüstung schon drei Monate später durch den Boykott der Ostblockvertreter, die dem Westen vorwarfen, er wolle Kontrolle ohne Abrüstung.
  • Die mit einiger Aussicht auf Erfolg 1958 gestarteten Gespräche über die Einstellung oberirdischer Kernwaffenversuche wurden 1961 nach der Wiederaufnahme der Testversuche, die während der Gespräche geruht hatten, durch Frankreich und die Sowjetunion ergebnislos abgebrochen.