Die Geschichte der NATO im Kalten Krieg

Die NATO zu Beginn der fünfziger Jahre (1950-1954)

Ausgehend von der in Artikel 9 des Nordatlantikvertrags beschlossenen Bildung eines Nordatlantikrats und der diesem zustehenden Organisationsgewalt, vollzog sich in den frühen fünfziger Jahren die Entwicklung der NATO von einer "institutionalisierten Staatenkonferenz" zu einer internationalen Organisation mit den für sie typischen Organen,

  • dem Nordatlantikrat als oberstem Organ, in dem die politischen und strategischen Grundsatzfragen behandelt und entschieden werden und der in der Regel zweimal jährlich auf Ministerebene, in besonderen Fällen auch auf der Ebene der Staatschefs, tagt;
  • einem ständigen Rat, der auf Botschafterebene (Permanent Representatives) einmal wöchentlich oder auch häufiger zusammentritt, um die Kontinuität der Arbeit des Nordatlantikrats und eine schnelle Reaktionsfähigkeit des Bündnisses in Krisenfällen gewährleisten);
  • schließlich einem exekutiven Organ, dem Generalsekretariat mit einem Generalsekretär an der Spitze, dem die Vorbereitung und Durchführung der Tagungen und -beschlüsse des NATO-Rats, sowie administrative Aufgaben obliegen.

International

Streitkräfteplan von Lissabon 1952

Das militärstrategische Denken der USA hatte, wie auch in späteren Jahren, auf die NATO nachhaltige Auswirkungen. Unter der Federführung der Vereinigten Staaten und in der Erkenntnis, dass die Abschreckungswirkung der amerikanischen Nuklearwaffen keineswegs absolut war, beschloss die NATO den Aufbau eines starken konventionellen Abwehrsystems in Europa.

Auf der Tagung des NATO-Rats im Februar 1952 in Lissabon wurde ein umfangreicher Streitkräfteplan verabschiedet, der im einzelnen vorsah:

  • Aufstellung von Streitkräften im Bereich Europa in einer Stärke von 50 Divisionen und 4000 Flugzeugen bis Ende 1952.
  • Erweiterung des Streitkräfteumfanges auf 90 Divisionen und 6000 Flugzeugen bis Ende 1954.
  • Die aufzustellenden Divisionen sollten je zur Hälfte aus präsenten Divisionen und Reservedivisionen bestehen.
  • Die Luftstreitkräfte sollten sich auf ein Netz von 126 gemeinsam finanzierten Luftbasen in Europa stützen.
  • Zusätzlich war der Aufbau starker Seestreitkräfte geplant.

So ganz unrealistisch, wie sich dies auf den ersten Blick ausnimmt, war diese Planung durchaus nicht, obwohl Kritiker das Vorhaben schnell mit dem Attribut "Phantom-Armee" versahen.

Die Grundlagen für den Beschluss wurden schon auf der Ratstagung vom 24. bis 28. November 1951 in Rom gelegt. Dort präsentierte der neu etablierte NATO-Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower in einem ersten Report seine Streitkräfteziele, die die Basis der dann in Lissabon verabschiedeten Vorhaben bildeten. Auf dieser Tagung wurde ferner eine Einladung zum NATO-Beitritt an die Länder Griechenland und Türkei ausgesprochen, der dann ebenfalls in Lissabon offiziell vollzogen wurde.

Außerdem wurde in Rom von Seiten der NATO der Grundstein für die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) gelegt. In deren Rahmen sollten die Länder Frankreich, Bundesrepublik Deutschland, Italien, Luxemburg, Belgien und Niederlande bis 1945 eine Streitmacht von 43 Divisionen mit rund 559 000 Soldaten aufstellen, inklusive einem deutschen Kontingent von 12 Divisionen.

Betrachtet man diese beiden Faktoren und rechnet man dazu noch die Potentiale der USA, Kanadas und Großbritanniens so erscheint das in Lissabon verabschiedete Ziel durchaus nicht völlig abwegig, zumal nur die Hälfte der geplanten 90 Divisionen voll präsent sein sollten.

NATO-Strategie der massiven Vergeltung

Die für den Fall eines sowjetischen Angriffs auf Westeuropa vorgesehenen operativen Maßnahmen wurden in dem NATO-Dokument NATO Strategic Guidance des Militärausschusses (MC 14/1 vom 9. Dezember 1952) niedergelegt. Das Papier definierte einen mehrstufigen Plan zur Abwehr eines sowjetischen Angriffs:

  • 1. Phase: Verzögern eines Feindangriffs durch den Einsatz aller verfügbaren konventionellen Streitkräfte so weit ostwärts des Rheins wie durchführbar. Gleichzeitige nukleare Gegenoffensive der strategischen Luftstreitkräfte mit dem Ziel, die Entscheidung der Abwehrschlacht indirekt herbeizuführen.
  • 2. Phase: Auffangen des sowjetischen Angriffs als Voraussetzung für eine alliierte Gegenoffensive.
  • 3. Phase: Alliierte Gegenoffensive.
  • 4. Phase: Wiederherstellung der Integrität und Sicherheit des NATO-Bündnisbereiches.

Dies war offensichtlich eine Behelfslösung, die im wesentlichen das Ergebnis zweier Unzulänglichkeiten waren; die strategische Luftwaffe der USA war für sich allein zu schwach, die Sowjetunion vor einem Angriff auf Westeuropa abzuschrecken oder eine Entscheidung auf dem Schlachtfeld herbeizuführen, während die konventionelle Rüstung, wie sie in den Lissaboner Beschlüssen vorgesehen war, keineswegs den vorgesehenen Umfang erreichte.

So standen zum Beispiel 1953 in der Bundesrepublik nur folgende Streitkräfte ostwärts des Rheins:

Land Streitkräfte
Großbritannien 4 Divisionen
Kanada 1 Brigade
Belgien 2 Divisionen
Frankreich 5 Divisionen
USA 5 Divisionen
Total 16 1/3 Divisionen

Auch die westlich des Rheins vorgesehenen Reservedivisionen erreichten in keiner Weise den geplanten Umfang. Für die Bundesrepublik musste diese Strategie, sollte ihre abschreckende Wirkung jemals versagen, schwerwiegende Nachteile mit sich bringen; einmal hätte sie im Konfliktsfall die beinahe kampflose Aufgabe des größten Teils ihres Staatsgebiets bedeutet und zum andern wäre das Kampfgeschehen, wenn auch nur konventioneller Art, zweimal über ihr Gebiet hinweggerollt, beim Abwehrkampf und beim Gegenangriff.

In der teilweisen erregten Debatte um politische Fragen der deutschen Wiederbewaffnung wurde diesem Aspekt der Militärstrategie der NATO in der Bundesrepublik wenig Beachtung geschenkt. Gravierender für die weitere Entwicklung war jedoch die Tatsache, dass die militärstrategischen und rüstungspolitischen Planungen der NATO in diesen Jahren zur Grundlage der deutschen Wiederbewaffnung gemacht wurden und von der Bundesrepublik auch dann noch weiterverfolgt wurden, als sich längst ein grundsätzlicher Wandel in den strategischen Vorstellungen der USA und der NATO abzeichnete und sich daher ab Mittel der fünfziger Jahre eine zunehmende Diskrepanz zwischen NATO-Strategie und den Konzepten der Bundesregierung ergab.

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Mit einer Armada von Bombenflugzeugen wollten die USA die Strategie der massiven Vergeltung in die Tat umsetzen (Quelle: US Air Force).

US-Militärstrategie unter Eisenhower

Der Amtsantritt des neuen amerikanischen Präsidenten Eisenhower markierte den Beginn einer umfassenden sicherheitspolitischen und militärstrategischen Revision, die im weiteren Verlauf auch die NATO zu einer Neuformulierung ihrer bislang gültigen Strategie zwang.

Die Containment-Politik der Truman-Administration wurde von den Republikanern im Präsidentschaftswahlkampf des Jahres 1952 einer heftigen Kritik unterzogen. Der designierte Außenminister Dulles nannte sie "negativ, unnütz und unmoralisch", die Regierung habe immer nur reagiert, nie aber agiert. An die Stelle der ihrer Meinung nach falschen Politik des Containment wollten die Republikaner eine offensive Politik des Zurückdrängens des Kommunismus (Rollback) setzen.

Wenn sich auch in der politischen Realität der fünfziger Jahre dann zeigte, daß die Eisenhower-Administration bei internationalen Konflikten (Ungarn, Suez, Berlin) keineswegs konfliktbereiter agierte als ihre Vergängerin, was zu der Kritik von seiten der Demokraten führte, sie habe ihre Hände ständig auf der Hupe und ihre Füße auf der Bremse, so hatte der New Look der amerikanischen Politik doch weitreichende Auswirkungen auf die militärstrategische Entwicklung auf nationaler Ebene und im Bereich der NATO.

Im nationalen Bereich führte die Strategiediskussion zur Ausarbeitung einer militärstrategischen Konzeption durch die Vereinigten Stabchefs unter Admiral Radford, die der Generalmaxime des Präsidenten nach einer "maximalen Abschreckung zu minimalen Kosten" Rechnung trug und den Nuklearwaffen in den militärischen Planungen der USA allererste Priorität einräumte. Im einzelnen beinhalteten die Planungen der Vereinigten Stabchefs, die am 30. Oktober 1953 von Eisenhower gebilligt wurden, folgendes:

  • Reduzierung der Mannschaftsstärken bei Heer und Marine. Beim Heer zum Beispie von 1 481 000 im Jahr 1953 auf 1 000 000 im Jahr 1957).
  • Verstärkter Aufbau einer Luftverteidigung und eines starken Nuklearpotentials.
  • Reduzierung des konventionellen Verteidigungsbeitrags zur NATO von 24 auf 14 Divisionen.
  • Bereitstellung von konventionellen Steitkräften zur Führung lokal begrenzter Kriege durch die Vebündeten.
  • Steigerung der Feuerkraft der personell reduzierten Verbände durch Ausrüstung mit taktischen Atomwaffen.

Am 12.Januar 1954 legte Außenminister Dulles in einer programmatischen Rede vor dem Council On Foreign Relations in New York die Grundsätze der neuen Strategie dar:

»Solange die Grundlagen unserer Politik unklar waren, konnten die militärischen Führer unsere Streitkräfte nicht gezielt und sinnvoll aufbauen. Solange der Gegner in der Lage war, Zeit, Ort und Waffen nach Belieben zu wählen - und unsere Politik in traditioneller Weise darauf abzielte, Aggressionen direkt und lokal begrenzt zu erwidern-, mußten wir zugleich in der Arktis und in den Tropen, in Asien, im Nahen Osten und in Europa zum Kampf bereit sein. Wir mußten uns darauf einstellen, zu Wasser, auf dem Lande und in der Luft, mit herkömmlichen und mit modernsten Waffen zu kämpfen. Diese Politik konnte nicht lange ohne verheerende Folgen für den Staatshaushalt, die Wirtschaft und den Zustand unserer Gesellschaft fortgeführt werden. Unsere Politik des New Look wird sich in erster Linie auf die verstärkte Fähigkeit richten, unverzüglich, und zwar mit den Mitteln und an den Orten unserer Wahl, zurück zu schlagen. Diese Politik wird es ermöglichen, daß wir unsere militärischen Mittel in gezielter Auswahl anwenden, anstatt sie zu vervielfachen.«

John Foster Dulles - US-Außenminister

Man kann dies als politisches Signal für die künftige NATO-Strategie der Massiven Vergeltung ansehen: Die Androhung der totalen Vernichtung als Friedensgarantie. Ein Angriff auf Berlin sollte also beispielsweise künftig nicht mehr mit dem Versuch, die Stadt mit konventionellen Mitteln zu verteidigen, beantwortet werden, sondern mit der Zerstörung russischer Städte und Wirtschaftszentren durch amerikanische Atombomber. Das Echo auf den ersten Gewehrschuß wäre also eine nukleare und thermonukleare Explosion, wie der spätere Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß es 1958 einmal ausdrückte.

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Eisenhower

Rollback statt Containment lautete die Devise der US-Administration unter Eisenhower.

Der Weg der BRD in die NATO

Als sich zu Beginn der fünfziger Jahre in der Frage der deutschen Wiederbewaffnung eine positive Wende abzuzeichnen begann, entstand in der Bundesrepublik die Notwendigkeit einer Diskussion über militärstrategische Konzeption, Umfang und Struktur der künftigen Streitkräfte.

Der Rahmen dieser Diskussion wurde abgesteckt von zahlreichen Problemen, die sich aus der spezifischen Situation der Bundesrepublik fünf Jahre nach Kriegsende und ein Jahr nach ihrer Konstituierung ergaben:

  • Die ehemaligen Kriegsgegner und künftigen Verbündeten in Westeuropa, insbesondere Frankreich, hatten ein starkes Interesse daran, dass eine westdeutsche Armee möglichst nur so stark und so strukturiert sein sollte, dass sie keine neuerliche Gefahr für ihre Länder werden konnte.
  • Die Stimmen in der Bundesrepublik, die auf Grund der Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit eine Wiederbewaffnung generell ablehnten und folglich auch eine militärstrategische Debatte für überflüssig hielten, hatten ein starkes Gewicht.
  • Für die politische Führung, insbesondere Konrad Adenauer, war die Wiederbewaffnung in erster Linie ein politisches Instrument, mit dessen Hilfe die Wiedererlangung der vollen Souveränität forciert, eine mögliche Neutralisierung verhindert und die Westintegration bewerkstelligt werden konnte. Militärstrategische Fragen hatten infolgedessen im Konzept der Bundesregierung nur untergeordnete Bedeutung.
  • Die militärstrategische Debatte in der Bundesrepublik krankte schließlich daran, dass sich die Vorstellungen der Verantwortlichen in erster Linie am Kriegsbild vergangener Tage orientierte und der Bedeutung der modernen Waffentechnologie, besonders der Nuklearwaffen, nur begrenzte Beachtung geschenkt wurde.

Die Himmeroder Denkschrift

Den Beginn einer offiziellen militärstrategischen Planung in der Bundesrepublik stellt das Treffen von fünfzehn ehemaligen Offizieren der deutschen Wehrmacht im Eifelkloster Himmerod im Oktober 1950 dar, die im Auftrag des Bundeskanzlers eine Denkschrift über die Aufstellung eines deutschen Kontingents zur Verteidigung Westeuropas (Himmeroder Denkschrift) ausarbeiten.

Im Mai 1950 wurden vorsichtig die ersten Maßnahmen zur Errichtung erster militärpolitischer Institutionen in der BUndesrepublik vollzogen. Offiziell waren nämlich solche Aktivitäten auf Grund des Gesetzes der Alliierten Hohen Kommision zur Ausschaltung des deutschen Militarismus verboten. In diesem Monat berief Bundeskanzler Konrad Adenauer Gerhard Graf von Schwerin zu seinem sicherheitspolitischen Berater. Offiziell lief die Diensstelle des Grafen unter der Tarnbezeichnung Zentrale für Heimatdienst (ZfH).

Diese Institution sprach auch die Einladung zu der Tagung in der Zisterzienserabtei in der Eifel aus. Das Expertengremium tagte vom 5. bis 9. Oktober 1950. Das Ergebnis war eine Studie "über die Aufstellung eines Deutschen Kontingents im Rahmen einer übernationalen Streitmacht zur Verteidigung Westeuropas", so die offizielle Bezeichnung der Himmeroder Denkschrift.

Zu der geladenen Expertengruppe zählten durchweg ehemalige Wehrmachtsgenerale und -Offiziere:

  • Major Wolf Graf Baudissin
  • General der Infanterie Hermann Foertsch
  • Admiral Walter Gladisch
  • Generalleutnant Adolf Heusinger
  • Oberst i.G. Johann Adolf Graf von Kielmansegg
  • General der Flieger Dr. Robert Knauss
  • Major i.G. Horst Krüger
  • General der Flieger Rudolf Meister
  • Oberst i.G. Eberhard Graf von Nostitz
  • General der Panzertruppe Hans Röttiger
  • Vizeadmiral Friedrich Ruge
  • Kapitän zur See Alfred Schulze-Hinrichs
  • General der Panzertruppe Fridolin von Senger und Etterlin
  • Generalleutnant Hans Speidel
  • Generaloberst Heinrich von Vietinghoff-Scheel

Die Vorschläge der Denkschrift sahen folgende Strategie zur Verteidigung Westdeutschlands gegen einen sowjetischen Angriff vor:

  • Bildung von Verteidigungsschwerpunkten im süddeutschen Raum und in Schleswig-Holstein, um bei einem sowjetischen Angriff in diese Räume auszuweichen. Die damals geltende NATO-Strategie sah dagegen ein lineares Zurückweichen auf die Rheinlinie vor.
  • Anschließend sollten Angriffe aus diesen Räumen in die Flanken des vorrückenden Feindes erfolgen.
  • Zur Erfüllung dieses Auftrags wurde die Aufstellung einer westdeutschen Armee mit 12 Panzerdivisionen für notwendig erachtet.

Die Himmeroder Denkschrift bildet die Grundlage aller weiteren militärischen Planungen der Bundesregierung und ergab die Eckdaten, mit denen ihre Vertreter in die Verhandlungen über die Wiederbewaffnung eintraten. Die erste Alternative für den Aufbau einer westdeutschen Armee wurde in den so genannten Petersberger Gesprächen, die am 9. Januar 1951 zwischen der Alliierten Hohen Kommission und dem Vertreter des Bundeskanzlers für die mit der Vermehrung der alliierten Truppen zusammenhängenden Fragen, Theodor Blank, begannen.

Nach den in diesen Verhandlungen ausgearbeiteten Plänen sollte die neue deutsche Armee innerhalb kürzester Zeit durch eine Art Mobilmachung erfolgen; die personelle Komponente dieser Mobilmachung sollten reaktivierte deutsche Wehrmachtsangehörige bilden, während die materielle Ausstattung aus den zahlreichen amerikanischen Gerätedepots, die nach der Demobilisierung der amerikanischen Armee 1946 in Westdeutschland entstanden waren, erfolgen sollte.

Dieser Plan konnte durch die geänderte Situation, wie sie nach dem französischen Vorschlag zur Bildung einer Europaarmee unter deutschen Einschluss entstanden war nicht mehr weiterverfolgt werden. Die militärstrategischen Planungen der Bundesrepublik verlagerten sich fortan nach Paris, wo am 15. Februar 1951 die Gespräche über den Pleven-Plan und die EVG begannen und wo die Bundesrepublik mit einer starken Delegation unter der Leitung Theodor Blanks teilnahm.

Der Krieg in Korea

Unter dem Eindruck wachsender Ost-West-Spannungen und des militärischen Potentials der Sowjetunion, wuchs insbesondere nach Ausbruch des Koreakrieges bei den Westalliierten die Neigung, das westdeutsche Potential der westlichen Verteidigung nutzbar zu machen.

Eine erste Bestandsaufnahme der militärischen Sachverständigen der NATO kam sehr schnell zu dem Ergebnis, dass das bestehende und kurzfristig verfügbar zu machende Streitkräftepotential der Allianz keine realistische Abwehrkonzeption gegen einen sowjetischen Angriff zuließ. Die Erfahrungen des Koreakrieges hatten überdies die Gefährlichkeit einer allein auf das amerikanische Nuklearpotential gestützten Abschreckungsstrategie deutlich vor Augen geführt.

Auch die innenpolitische Diskussion in der Bundesrepublik stand unter dem Eindruck der Ereignisse in Fernen Osten und war gekennzeichnet durch die Furcht, die Bundesrepublik könne parallel zu der Entwicklung in Korea das Opfer einer von Kräften der SBZ vorgetragenen und von der Sowjetunion protegierten Aggression werden.

In einem Beitrag Konrad Adenauers in der New York Times am 17. August 1950 war die Rede davon, dass die Ereignisse in Korea eine merkliche Auswirkung gehabt hätten, und ein Gefühl der Hilflosigkeit bestünde, dass die Russen eines Tages die Macht ergreifen werden.

Offiziell tätig wurde Adenauer in der Frage der westdeutschen Sicherheit am 29. August 1950, als er ein vertrauliches Memorandum an die Westmächte richtete, in dem er auf die Diskrepanz zwischen der militärischen Präsenz der Sowjetunion im östlichen Teil Deutschlands (22 Divisionen und 6000 Panzer) und der westlichen Präsenz in der Bundesrepublik (4 anglo-amerikanische und einige französische Divisionen) hinwies und entsprechende sicherheitspolitische Maßnahmen von ihnen verlangte.

Die Politik Konrad Adenauers in Richtung einer westdeutschen Wiederbewaffnung löste in der Bundesrepublik eine umfangreiche innenpolitische Debatte aus, die zum Teil äußerst kontrovers geführt wurde.

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Idee und Scheitern der EVG

Auf internationaler Ebene wurde die Frage der deutschen Wiederbewaffnung auf Konferenzen der Außenminister der drei Besatzungsmächte und des NATO-Rats im September 1950 in New York und ein weiteres Mal in Brüssel im Dezember des selben Jahres behandelt und im Grundsatz positiv entschieden. In Brüssel beschloss der NATO-Rat, dass eine deutsche Beteiligung an der Verteidigung der Allianz "die Verteidigung Europas stärken würde, ohne den rein defensiven Charakter der Organisation des Nordatlantikvertrags in irgend einer Weise zu ändern."

Die Prüfung der Detailfragen eines deutschen Beitrags zur NATO sollte in Verhandlungen zwischen den drei Besatzungsmächten und der Bundesrepublik erfolgen. Obwohl innerhalb der NATO in der Einschätzung der militärischen Bedrohung durch die Sowjetunion weitgehend Einvernehmen bestand und die Einbeziehung der Bundesrepublik in das Bündnis grundsätzlich als notwendig erachtet wurde, war vor allem in Frankreich der Widerstand gegen eine deutsche Wiederbewaffnung nur fünf Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung verständlicherweise noch erheblich.

Um der Gefahr zu begegnen, dass sich eine neue deutsche Armee wiederum zu einer Bedrohung seiner Nachbarn entwickeln könnte, initiierte Frankreich die Idee einer supranationalen, westeuropäischen Armee, in dessen Rahmen sich die deutsche Wiederaufrüstung vollziehen sollte.

Die geplante Europaarmee sollte nach den Vorstellungen des französischen Ministerpräsidenten Pleven, dem Initiator dieser Idee,

»im Maß des Möglichen eine vollständige Verschmelzung der personellen und materiellen Elemente darstellen, und zwar unter einer einzigen politischen und militärischen europäischen Führung.«

René Pleven - französischer Ministerpräsident
Die Verhandlungen über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) zogen sich über achtzehn Monate hin, bis schließlich am 27. Mai 1952 die Regierungen der sechs Staaten der Montanunion in Paris einen entsprechenden Vertrag unterzeichneten. Im Verlauf der Ratifizierungsdebatten kam es sowohl in Frankreich wie auch in der Bundesrepublik zu erheblichen Auseinandersetzungen zwischen Regierung und Opposition.

In der Bundesrepublik Deutschland wurde der EVG- und der mit ihm verbundene Deutschlandvertrag nach einem langwierigen, teilweise dramatischen parlamentarischen Prozess am 19. März 1953 ratifiziert. Anders lagen die Dinge in Frankreich, wo sich die Debatte bis zum Sommer 1954 hinzog und der Widerstand gegen die supranationale EVG-Lösung von Monat zu Monat wuchs.

Dazu kam noch, dass der Kolonialkrieg in Indochina, in den Frankreich verstrickt war, die französische Handlungsfreiheit nachhaltig beeinträchtigte. Ein dezent vorgebrachtes sowjetisches Angebot, Frieden in Indochina gegen Verzicht auf die EVG, versetzte der EVG am 31. August 1954 in der französische Nationalversammlung schließlich den Todesstoß.

Die Frage einer deutschen Wiederbewaffnung erlitt durch das Scheitern der EVG einen schweren Rückschlag. Zeitweise sah es sogar aus, als läge die Adenauersche Nachkriegspolitik komplett in Trümmern. In seinen Erinnerungen schrieb Adenauer später über das Aus für die EVG:

»Jene schrecklichen Tage haben sich meinem Gedächtnis tief eingegraben.«

Konrad Adenauer - deutscher Bundeskanzler

Das Aus hatte sich schon im Frühsommer 1954 abgezeichnet, als der außenpolitische Ausschuss der französischen Nationalversammlung den Vertrag ablehnte (9. Juni 1954). Der anschließende Versuch der französischen Regierung, neuerlich Änderungswünsche bei den Vertragspartnern durchzusetzen, scheiterte, da diese an den Grundprinzipien des Vertrages rüttelten. Das Absetzen der Ratifizierung des EVG-Vertrags von der Tagesordnung der französischen Nationalversammlung Ende August 1954 bedeutete daher nicht ein Aufschieben, sondern das Ende des Vertrags und auch das Scheitern des Versuchs einer europäischen Integration in einem politischen Kernbereich.

Die militärischen Planungen für die EVG

Am 27. Mai 1952 wurde der Vertrag über die EVG unterzeichnet, dessen Vereinbarungen auf militärischem Gebiet im so genannten Militärprotokoll zusammengefasst waren und die im einzelnen folgende Punkte vorsahen:

Der Auftrag sah die Verteidigung unter dem Oberbefehl der NATO im Falle eines gegnerischen Angriffs vor. Jedes Kontingent gliederte sich in Land-, Luft- und Seestreitkräfte. Gliederung, Ausbildung und Ausrüstung sollten einheitlich sein, ein wesentlicher Teil der Ausbildung auf europäischen Schulen durchgeführt werden. Für die Rüstung waren die nationalen Regierungen unter Beachtung des Grundsatzes der gegenseitigen Unterstützung zuständig. Ebenso hatten sie die volle Verantwortung für das Ersatzwesen und die Logistik. Das so genannte Kommissariat der EVG bildete die Führungsspitze. Es war in Zentralorgane gegliedert, die in der Form eines militärischen Stabes (nach Führungsgebieten) zusammengefasst waren. Sie hatten die Aufgabe der Aufstellung und Führung der nach geordneten Verbände. Außerdem gab es die -übernationalen- Militärischen Territorialkommandos zur Wahrnehmung spezieller Aufgaben für die EVG und die NATO.

Dieser dreiteiligen Oberen Führungsebene war der so genannte in sich national zusammengesetzte Grundverband (die Division) nachgeordnet, der als Verband der EVG assigniert werden sollte. Die Unterstellung der Verbände sollte erfolgen, wenn deren Stäbe einsatzbereit waren und die Ausbildung der Truppenteile einen Stand erreicht hatte, der die Zusammenfassung zu Großverbänden erlaubte. Die Landstreitkräfte der Bundesrepublik sollten 12 Grundeinheiten (Groupment, Divisionen) von insgesamt 310 000 Mann umfassen. Für das Heer waren entsprechende Führungsstäbe, selbständige Unterstützungstruppenteile, Versorgungseinheiten und -einrichtungen, ferner Schulen sowie Ausbildungseinrichtungen und -einheiten (zahlenmäßig etwa in Kopfstärke der Division) vorgesehen.

Den Kern der Kampfverbände sollten der Panzerkampfverband, der Panzerbegleitverband und der Infanterieverband bilden. Die Stärke der Division war auf 13 000 Mann festgelegt. Die EVG sollte über eine taktische Luftwaffe verfügen. Zur Heeresunterstützung und zur Luftverteidigung waren Jagd-, Jabo- Aufklärungs- und Transportverbände vorgesehen. Die nationale Grundeinheit sollten der fliegende Verband mit 36 - 75 Flugzeugen (je nach Einsatzaufgabe) sowie einer technischen Gruppe und einer bodenständigen Fliegerhorstgruppe bilden. Die Grundeinheiten wurden in integrierten höheren Luftwaffenkommandos zusammengefasst.

1953 1953 1954
Bundesrepublik Deutschland 6 12
Belgien und Luxemburg 5 5 1/3 6
Frankreich 10 13 18
Italien 11 1/3 15 1/3 16 1/3
Niederlande 3 4 5
Gesamt 29 1/3 43 2/3 57 1/3

EVG-Planung: So sollte der Aufbau der Landstreitkräfte der EVG erfolgen (Anzahl der Divisionen der einzelnen Länder).

Für das deutsche Kontingent waren 1350 Flugzeuge und eine Personalstärke von etwa 85 000 Mann vorgesehen. Die EVG-Seestreitkräfte waren als Einheiten geplant, die den küstennahen Schutz des westeuropäischen Gebiets gewährleisten sollten. Ihre nach geordneten Verbände waren in Gruppen, Flottillen und Halbflottillen gegliedert. Weitere Einzelheiten waren nicht festgelegt.

Das alternative Konzept von Oberst Bonin

Die änderung der Bedingungen einer Wiederbewaffnung der Bundesrepublik, die sich im Sommer 1954 auf Grund der Ablehnung der EVG durch das französische Parlament und die Entwicklung eines britischen Alternativvorschlags eines kombinierten Beitritts der Bundesrepublik zur WEU und NATO, ergab, führte keineswegs zu einer grundsätzlichen Revision der militärstrategischen Planung des Bundesregierung, obwohl dies in Anbetracht der Strategiedebatte in den USA und den sich daraus für die NATO ergebenden Konsequenzen dringend erforderlich gewesen wäre.

Allerdings blieben die militärstrategischen Planungen des Amtes Blank nicht ohne Widerspruch. Auf der Grundlage seiner eigenen Erfahrungen im zweiten Weltkrieg und den strategischen Gegebenheiten in der Bundesrepublik, entwickelte der damalige Leiter der Abteilung für militärische Planung im Amt Blank, Oberst Bonin, eine den offiziellen Auffassungen zuwiderlaufende Konzeption, die er in zahlreichen internen Denkschriften in Umlauf brachte.

Darin kritisierte er vor allem zwei Grundsätze der von der NATO und dem Amt Blank vertretenen militärstrategischen Doktrin, nämlich

  • den Verzicht auf die Bildung einer Abwehrfront unmittelbar an der Demarkationslinie (Vorne- oder Vorwärtsverteidigung) und
  • die Führung eines überwiegend auf Panzertruppen gestützten beweglichen Abwehrkampfes auf dem Gebiet der Bundesrepublik.

Statt dessen empfahl Bonin die Aufstellung einer reinen Defensivtruppe,

»die sich zunächst auf mobile Panzersperrverbände mit Unmengen von einfachen Panzerabwehrwaffen entlang der Demarkationslinie und der tschechischen Grenze stützen sollte. Später sollten einige gepanzerte Eingreifverbände im Hinterland, eine Luftwaffe zur Unterstützung des Erdkampfes und eine kleine Marine für den Flankenschutz im Norden dazukommen«.

Auf die militärstrategischen Planungen des Amtes Blank hatten die Boninschen Denkmodelle jedoch keinen Einfluss, erst die publizistischen Aktivitäten des Obersten nach seiner Entlassung erregten in der öffentlichkeit einige Aufmerksamkeit. Am 7. Januar 1955 legte Blank dem Bundeskanzler eine Denkschrift vor, in der das Ergebnis der nach dem Scheitern der EVG notwendigen Planrevisionen dargelegt war und in der Umfang und Struktur des deutschen Beitrags zur NATO umrissen war.

Der Beitritt der Bundesrepublik zur NATO erfolgte offiziell am 9. Mai 1955 und auf der Grundlage der Planungen des Amtes Blank, dem künftigen Verteidigungsministerium, erfolgte ab diesem Zeitpunkt der Aufbau der westdeutschen Streitkräfte.

Beitritt der Bundesrepublik zur NATO

In dieser Situation ergriff die englische Regierung die Initiative und schlug vor, die Bundesrepublik gleichzeitig in den Brüsseler Pakt und in die NATO aufzunehmen. Der Brüsseler Pakt sollte zu diesem Zweck in eine Verteidigungs- und Rüstungskontrollorganisation entwickelt werden, in dessen Rahmen sich die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik vollziehen sollte.

Nach einer kurzen Serie von Konferenzen wurden am 23. Oktober 1954 ein Pakt von Verträgen, die so genannten Pariser Verträge unterzeichnet, in denen der Bundesrepublik wieder die volle Souveränität zuerkannt und Fragen des Beitritts zur NATO und zur neu geschaffenen WEU geklärt wurden. Ein Tag zuvor hatte der NATO-Rat die Bundesrepublik einstimmig eingeladen, dem Bündnis beizutreten.

Da man bei dieser Lösung schon auf eine vorhandene vertragliche Grundlage aufbauen konnte, verliefen die Verhandlungen im Gegensatz zu den EVG-Verhandlungen relativ kurz. Daneben wurden in dem Vertragspaket noch mehrere bilaterale und multilaterale Fragen geregelt. Im Hinblick auf den deutschen Verteidigungsbeitrag und die Rolle der Bundesrepublik enthielten die Pariser Verträge umfangreiche Bestimmungen:

  • Beschränkung der Truppenzahlen auf maximal 500 000 Mann und 12 Divisionen.
  • Assignierung der deutschen Verbände unter integrierte NATO-Stäbe.
  • Verbot der Herstellung bestimmter Waffen und Einrichtung eines WEU-Rüstungsamtes als Kontrollinstanz.
  • Einseitiger Verzicht der Bundesrepublik auf Herstellung von ABC-Waffen auf ihrem Gebiet.
  • Verpflichtung der USA und Großbritannien, auf dem Kontinent Truppen zu stationieren.
  • Gewaltverzichtserklärung der Bundesrepublik und Verpflichtung zur friedlichen Streitschlichtung.

Um das vor allem in Frankreich noch stark vorhandene Misstrauen gegenüber eine deutschen Wiederaufrüstung zu besändtigen, ging Adenauer in den Verhandlungen freiwillig sogar noch einen Schritt weiter. Auf der Londoner Konferenz verzeichtete er auf die Herstellung sowie Verwendung von A-, B- und C-Waffen. darüber hinaus auf die Produktion von schweren Kriegsschiffen und strategischen Raketen und Bombern.

Die Pariser Verträge wurden nach wiederum heftigen Auseinandersetzungen im Bundestag am 27. Februar 1955 ratifiziert und am 5. Mai 1955 schließlich vollzog sich der Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zur NATO.

Das Kernargument der Opposition gegen die Verträge fasste Erich 0llenhauer am 23. Januar 1955 in einem Brief an Konrad Adenauer zusammen: "Das deutsche Volk steht an einem entscheidenden Punkt in der Geschichte der Nachkriegszeit. Die Abstimmung ... über das Pariser Vertragswerk, dessen Kernstück die Aufstellung deutscher Streitkräfte im Rahmen der Westeuropäischen Union und der NATO ist, ist von schicksalsschwerer Bedeutung für die Zukunft des ganzen deutschen Volkes. Die Annahme des Vertragswerkes führt nach unserer überzeugung zu einer verhängnisvollen Verhärtung der Spaltung Deutschlands."